6. August 2015

Google im Land der Robotik, Teil 2

Beim letzten Mal haben wir uns Googles Aktivitäten im Bereich Robotik gewidmet. Diesmal gehen wir noch einen Schritt weiter und schauen uns Googles geheimen Brutkasten für Unglaubliches an: Google[x].

Wenn Google eine Einrichtung gründet, von der keiner wissen darf, was dort erforscht wird, die aber trotzdem schon einmal pure Science-Fiction suggerieren soll, dann wird dem Firmennamen auf den ersten Blick scheinbar einfach ein [x] beigefügt. Klingt ja auch wie Akte X, muss also mysteriös sein. Tatsächlich steht das X für die römische Zahl Zehn und bedeutet, Technologien um einen Faktor von zehn so zu verbessern, dass am Ende immerhin Science-Fiction-ähnliche Problemlösungen entstehen. Eine gewisse Uneinigkeit bezüglich des Namens herrscht allerdings bis heute. Manche meinen, das X wäre ursprünglich nur ein Platzhalter für den richtigen Namen gewesen, andere empfinden den Buchstaben als Symbol für eine Firma, die willens ist, Technologien zu entwickeln, die zehn Jahre davon entfernt sind, große Auswirkungen zu haben.

Von Menschen und „Mondflügen“

Die intern „moonshot factory“ genannte Einrichtung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Google-Campus in Mountain View, Kalifornien, wird beaufsichtigt vom Google Mitbegründer Sergey Brin und geleitet von Astro Teller (eigentlich Eric Teller), einem Wissenschaftler und Unternehmer, der aufgrund seiner Position bei Google[x] auch als „Kapitän der Moonshots“ (kühne Innovationen, die großes Kapital benötigen, höchstwahrscheinlich nicht erfolgreich sind, die Welt jedoch revolutionieren würden, falls doch) bekannt ist. Die Aufmachung der Google[x]-Gebäude (mehrere rote Backsteinbauten ohne Beschilderung) kommt dabei ebenso zurückhaltend daher, wie der Umgang mit der Presse. Zumindest die Diskretion gegenüber den Medien läge laut Teller an der Befürchtung, dass Gespräche nicht wie der ehrliche Versuch einer Konversation wahrgenommen würden, sondern eher als eine Art Arroganz von Seiten Google[x], das glaube, die Probleme der Welt lösen zu können.

Die erste Idee zu Google[x] kam 2009 auf, als Brin und Larry Page, der zweite Mitbegründer von Google, die Position des „Direktors für Sonstiges“ (Director of Other) konzipierten, der jene Ideen überwachen sollte, die sich weit weg von Googles Kerngeschäften bewegen. Ein Gedanke, der schließlich in Google[x] resultierte. Nach der tatsächlichen Gründung 2010 begann die Einrichtung mit der Entwicklung des heute bekannten Google Self-Driving Car, welches wohl den entscheidenden Ausschlag zur Verwirklichung des Projektes Google[x] gab, und hat bis Ende 2014 insgesamt zehn seiner laufenden Forschungsprojekte enthüllt.

  1. Das Google Self-Driving Car
  2. Projekt Wing (Lieferdrohnen)
  3. Google Glass (Eyewear mit Kamera und Bildschirm)
  4. Google Kontaktlinsen (Überwachung des Glukoseanteils in der Tränenflüssigkeit)
  5. Projekt Loon (Internetdienste, die über Ballons in der Stratosphäre bereitgestellt werden)
  6. Ein Unternehmen, das Windenergie mithilfe von Turbinen erzeugt, die auf unbemannten Flugzeugen befestigt sind, die wiederum wie ein Drachen an einer Leine hängen (Makani Power)
  7. Lift Labs (Entwicklung eines Löffels, der bei Parkinson-Patienten das Zittern aufheben soll)
  8. Ein künstliches neurales Netzwerk für Spracherkennung und Computervision
  9. Web der Dinge (erlaubt Objekten der realen Welt, Teil des World Wide Web zu werden)
  10. Gesundheitsüberwachendes Armband

Zu den außergewöhnlichsten Projekten, die von Google[x] in Erwägung gezogen, später jedoch ad acta gelegt wurden, gehören unter anderem der Weltallaufzug (Space Elevator), ein Kabel, das ausgehend von der Erde (bzw. einer Planetenoberfläche) bis in den Weltraum reicht und den Transport von Fahrzeugen erlaubt, ein Hoverboard, das aufgrund der Abwägung von Kosten und gesellschaftlichem Nutzen abgelehnt wurde, ein anwendungssicheres Jetpack, das letztendlich als zu laut und energieineffizient galt, sowie Teleportation, die leider gegen die Gesetze der Physik verstößt.

„Warum morgen versagen, wenn es schon heute geht?“

Doch was passiert eigentlich innerhalb der Mauern von Google[x]? Bevor Ideen überhaupt in die weitere Entwicklung übergehen, trifft sich das sogenannte „Rapid Evaluation Team“, kurz „Rapid Eval“, für ein massives Brainstorming. Dieses Team ist der Beginn der Innovationen bei Google[x]. Dass im Verlauf dieses Prozesses mehr Ideen abgelehnt als bestätigt werden, liegt daran, dass Rapid Eval alles daran setzt, Ideen nicht nur zu prüfen und die Vielversprechendsten davon zu testen, sondern zugleich alles technologisch und Menschenmögliche dafür tut, diese scheitern zu lassen. Das Credo dahinter lautet „Warum Fehlschlagen auf morgen verschieben, wenn man schon heute fehlschlagen kann?“ und verdeutlich recht gut die Strategie und das interne Klima auf dem Weg zu bahnbrechenden Entwicklungen. Google[x]-Leiter Teller umarmt sogar manchmal seine Angestellten, wenn sie innerhalb der Gruppe Fehler oder Niederlagen eingestehen. Versagen gilt nicht als Schwäche, sondern einfach als Mittel zum Zweck.

Teller hat dabei seine ganz eigene Definition: „Wahres Fehlschlagen bedeutet, zu lernen, dass etwas nicht funktioniert, aber dann trotzdem damit fortzufahren“. Also werden alle Mitarbeiter dazu angehalten, verantwortungsbewusst verantwortungslos zu sein. Für jedes Projekt und für jede Gruppe gilt, zu erkunden, Risiken einzugehen, Experimente zu machen, davon zu lernen und es dann zu wiederholen, was Tellers Aussage nach ziemlich unbequem ist, wenn dies wirklich produktiv geschieht. Er ist der Überzeugung, dass die Angst, zu versagen, sich auswirkt, als würde ein Glasdach über das gebaut, was eigentlich erreicht werden könnte, d.h. wenn jemandem gesagt wird, er müsse innerhalb der nächsten zehn Jahre 10% Fortschritt erzielen, dann erreicht er auch nur genau 10% Fortschritt.

An dieser Stelle wundert es also nicht mehr, dass nicht etwa Wissenschaftler die Zielgruppe für eine Anstellung bei Google[x] darstellen, sondern vielmehr Personen, die Dinge erschaffen wollen und sich dabei nicht so einfach unterkriegen lassen. 2014 waren es mehr als 250 Angestellte, die sich bei Google[x] kreativ austoben konnten, darunter ehemalige Parkwächter, Bildhauer, Philosophen und Maschinenbauer. Einer der Mitarbeiter hat sogar zwei Oscars für Spezialeffekte gewonnen. „Google[x] sucht ganz bewusst nach Dingen, die Google mit aller Vernunft nicht tun würde.“, sagt Richard DeVaul, Chef von Rapid Eval. Ohne technische Experten geht es aber auch bei Google[x] nicht, weshalb sich in den Laboren ebenso zahlreiche Roboteringenieure und Elektrotechniker tummeln, die aus renommierten Unternehmen und akademischen Einrichtungen, wie Microsoft, Nokia Labs, Stanford, M.I.T., Carnegie Mellon und der New York University, kommen. Eine führende Persönlichkeit ist zum Beispiel Sebastian Thrun, das Gehirn hinter dem Google Self-Driving Car und einer der weltweit größten Experten im Bereich Robotik und Künstliche Intelligenz. Als Professor der Stanford University gewann er bereits 2005 zusammen mit seinem Stanford Racing Team und dem autonom fahrenden VW Touareg „Stanley“ die DARPA Grand Challenge. Thrun war es übrigens auch, der Astor Teller als seinen Co-Direktor ins Team holte.

Fazit

Google[x] scheint auf den ersten Blick eine traumhafte Arbeitsumgebung für Kreative und Visionäre zu sein. Allerdings stecken wir ja nicht drin und können uns nur auf die nach außen zugelassenen Informationen verlassen. Was die tatsächlichen Resultate der risikofreudigen Forschungen betrifft, ist ebenfalls bisher nicht abzusehen, ob das X seinem Namen alle Ehre machen wird, das Projekt befindet sich schließlich erst in der Halbzeit. Dazu kommt, dass Google[x] selbst als ein Experiment gilt, das durch das Eingehen großer Risiken – nicht nur auf verschiedensten Gebieten der Technologie, sondern gern auch fern von den Geschäften des Elternkonzerns – letzten Endes den Funktionsprozess firmeneigener Labore umgestalten soll. Ob das in der Zukunft funktioniert, weiß allerdings auch intern noch niemand.

Quellen


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