Chinas Robotik-Strategie: Pläne, Zahlen und Schwachstellen
von Roboterwelt Redaktion14. Juli 2025China installiert mehr Industrieroboter als der Rest der Welt zusammen und hat verkörperte KI zum Schwerpunkt seines neuen Fünfjahresplans gemacht. Was die Pläne aus Peking vorsehen, was die Statistik zeigt und wo die Abhängigkeiten liegen.
Der Plan von 2017
Am 20. Juli 2017 veröffentlichte der chinesische Staatsrat den „Entwicklungsplan für die neue Generation der Künstlichen Intelligenz“. Er setzt drei Etappen: Bis 2020 sollten Technik und Anwendung von KI international aufschließen, bis 2025 Durchbrüche in der Grundlagentheorie gelingen, und bis 2030 sollte China zum weltweit wichtigsten KI-Innovationszentrum werden. Für den Umsatz der KI-Kernindustrie nennt der Plan Zielmarken von 150 Milliarden Yuan (2020), 400 Milliarden Yuan (2025) und einer Billion Yuan (2030). Intelligente Industrie- und Serviceroboter sollen in großem Maßstab eingesetzt und auf den Weltmarkt gebracht werden. Ausdrücklich enthalten ist auch die „militärisch-zivile Integration“ von KI.
In der Forschung liegt China bei der Menge vorn: 2023 stammten laut AI Index 2025 der Stanford University 23,2 Prozent aller KI-Fachpublikationen aus China.
Für die Robotik folgten eigene Programme. Im Januar 2023 legten das Industrieministerium MIIT und 16 weitere Behörden den Aktionsplan „Robotik+“ vor. Er sieht vor, die Roboterdichte in der Fertigung bis 2025 gegenüber 2020 zu verdoppeln und Service- sowie Spezialroboter in zehn Schwerpunktbranchen deutlich stärker einzusetzen.
Was die IFR-Statistik zeigt
Nach dem Ende September 2026 vorgestellten Bericht World Robotics 2026 der International Federation of Robotics (IFR) wurden 2025 in China 354.000 Industrieroboter installiert, 20 Prozent mehr als im Vorjahr und 59 Prozent aller neuen Anlagen weltweit. Chinesische Hersteller lieferten davon 195.000 Einheiten und kamen damit auf 55 Prozent ihres Heimatmarkts, nach 57 Prozent im Jahr 2024. Noch 2020 lag der Anteil einheimischer Anbieter laut IFR bei rund 30 Prozent. Der Bestand in chinesischen Fabriken betrug Ende 2024 etwa zwei Millionen Roboter, das 4,5-Fache von Japan, dem zweitgrößten Markt.
Bei der Roboterdichte, also Robotern je 10.000 Beschäftigte in der Industrie, weichen die IFR-Angaben stark voneinander ab. Im November 2024 meldete der Verband für 2023 einen Wert von 470 und damit Platz drei hinter Südkorea und Singapur, vor Deutschland (429) und Japan (419). Im April 2026 nannte die IFR für 2024 nur noch 166 und Rang 22 weltweit. Grund ist eine geänderte Datenbasis: Die IFR rechnet nun mit aktualisierten Arbeitsmarktdaten des chinesischen Statistikamts; an der Zahl der installierten Roboter ändert das nichts. Deutschland kommt nach der neuen Rechnung auf 449, Südkorea auf 1.220.
Neuer Schwerpunkt: verkörperte KI
Mit dem 15. Fünfjahresplan für 2026 bis 2030 verschiebt Peking den Akzent. „China verlagert seinen Schwerpunkt von klassischer Industrieautomation hin zu hochwertiger, intelligenter Robotik, die mit künstlicher Intelligenz verbunden ist“, sagte der damalige IFR-Präsident Takayuki Ito im Mai 2026 (Übersetzung). Die Kommerzialisierung humanoider Roboter erwartet der Plan nach Einschätzung der IFR eher gegen Ende des Planungszeitraums.
Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) hat die Lage im April 2026 analysiert. Danach wurden 2025 in China 12.800 humanoide Roboter gebaut, rund 90 Prozent der weltweiten Produktion. Nach Angaben der Planungsbehörde NDRC arbeiten etwa 150 chinesische Firmen an Humanoiden. Ein staatlicher Wagniskapital-Lenkungsfonds und drei regionale Fonds sollen über 20 Jahre eine Billion Yuan (rund 120 Milliarden Euro) in Robotik und andere Zukunftstechnik lenken; einzelne Provinzen und Städte bezuschussen Automatisierungsprojekte mit bis zu 30 Prozent.
Im Alltag der Fabriken sind Humanoide bislang Randerscheinung. MERICS beschreibt überwiegend kleine Einzelversuche: UBTech testet seine Walker-Modelle in Elektroautowerken für Qualitätskontrolle und Sortieraufgaben, Midea setzt einen sechsarmigen Roboter in einem Waschmaschinenwerk in Wuxi ein. Ein Humanoid kostet in China im Schnitt 300.000 bis 500.000 Yuan. Wirtschaftlich wird er nach einer von MERICS zitierten Rechnung von Guotai Securities erst unter 160.000 Yuan.
Abhängigkeiten und Risiken
MERICS benennt drei Schwachstellen. Erstens die Software: Die führenden chinesischen Humanoid-Hersteller entwickeln und trainieren ihre Systeme mit Plattformen und Rechenmodulen von Nvidia. Zweitens hochpräzise Komponenten: Spezielle Kugelgewindetriebe stammen zu 90 Prozent von Schaeffler aus Deutschland sowie THK und NSK aus Japan. Drittens die Präzision: Im oberen Marktsegment für Industrieroboter dominieren weiterhin ABB und Fanuc, chinesische Anbieter führen im unteren und mittleren Segment.
Hinzu kommen politische Fragen. Weil die Strategie der „militärisch-zivilen Fusion“ die Technologiepolitik prägt, dürfte es Robotikfirmen laut MERICS zunehmend schwerfallen, Verbindungen zu Militär und Polizei zu vermeiden. Im Inland wächst die Sorge um Arbeitsplätze, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von rund 17 Prozent und knapp 300 Millionen Wanderarbeitern ohne soziale Absicherung. Für Europa sieht MERICS die Gefahr einer Wiederholung des Wettlaufs um Elektroautos, bei dem staatlich unterstützte chinesische Anbieter mit großer Fertigungskapazität westliche Hersteller unter Druck setzten.
2025 wurden laut International Federation of Robotics 354.000 Industrieroboter in China installiert, 59 Prozent aller Installationen weltweit.
Grundlage ist eine Kette staatlicher Pläne vom KI-Entwicklungsplan des Staatsrats 2017 bis zum Fünfjahresplan für 2026 bis 2030, der humanoide Roboter und verkörperte KI zur Priorität erklärt.
Das Berliner Mercator Institute for China Studies sieht zugleich Schwächen bei Software, KI-Chips und hochpräzisen Komponenten.
- Five Million Robots now Operate in Factories Globally (World Robotics 2026) – International Federation of Robotics – 24.09.2026
- China Makes AI-powered Robots Core of National Strategy – International Federation of Robotics – 05.05.2026
- Robot Density Surges in Europe, Asia, and Americas – International Federation of Robotics – 08.04.2026
- Global Robot Density in Factories Doubled in Seven Years – International Federation of Robotics – 20.11.2024
- Next Generation Artificial Intelligence Development Plan (offizielle englische Fassung, China Science and Technology Newsletter No. 17) – Staatsrat der VR China / Ministerium für Wissenschaft und Technologie – 20.07.2017
- Full Translation: China's 'New Generation Artificial Intelligence Development Plan' (2017) – DigiChina, Stanford University – 01.08.2017
- China to boost density of manufacturing robots – english.www.gov.cn (Xinhua) – 20.01.2023
- Embodied AI: China's ambitious path to transform its robotics industry – MERICS (Wendy Chang, Rebecca Arcesati, Altynay Junusova) – 30.04.2026
- Artificial Intelligence Index Report 2025, Chapter 1: Research and Development – Stanford HAI – 07.04.2025
Roboterwelt Redaktion