Potenzial ist nicht gleich Stellenabbau
Die meistzitierte Zahl stammt aus dem Jahr 2013: Carl Benedikt Frey und Maike Osborne von der Universität Oxford schätzten für 702 Berufe, wie wahrscheinlich sie sich computerisieren lassen. Ergebnis: Rund 47 Prozent der Beschäftigung in den USA gelten als gefährdet, Berufe mit niedrigeren Löhnen und geringerer Bildung stärker als andere.
Für Deutschland rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit einem eigenen Maß, dem Substituierbarkeitspotenzial. Drei Codiererinnen prüfen für mehr als 9.000 Tätigkeiten, ob eine Maschine oder ein Programm sie vollautomatisch erledigen könnte. Nach dem IAB-Kurzbericht 5/2024 arbeiteten 2022 rund 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einem Beruf, in dem mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten ersetzbar wären; 2019 waren es 34 Prozent. Die Autorinnen betonen ausdrücklich, dass es nur um technische Machbarkeit geht: Ist menschliche Arbeit wirtschaftlicher, flexibler oder besser, oder stehen rechtliche Hürden entgegen, wird eine Tätigkeit eher nicht ersetzt.
Generative KI trifft die Hochqualifizierten
Neu an der aktuellen Welle ist, wen sie betrifft. Beim IAB stieg das Substituierbarkeitspotenzial zwischen 2019 und 2022 in Expertenberufen mit Hochschulabschluss am stärksten, um fast 10 Prozentpunkte auf knapp 36 Prozent. In Berufen wie Softwareentwicklung legte es um etwa 30 Prozentpunkte zu, weil generative KI inzwischen programmieren kann. Die größten Potenziale liegen aber weiterhin in den Fertigungsberufen.
Zum gleichen Befund kommen Tyna Eloundou, Sam Manning, Pamela Mishkin und Daniel Rock für die USA. Nach ihrer 2023 als Preprint veröffentlichten und 2024 in der Fachzeitschrift Science erschienenen Studie könnten bei rund 80 Prozent der Beschäftigten mindestens 10 Prozent der Aufgaben von Sprachmodellen betroffen sein, bei etwa 19 Prozent mindestens die Hälfte. Höher bezahlte Berufe sind demnach stärker exponiert. Ökonomen von Goldman Sachs um Joseph Briggs und Devesh Kodnani schätzten im März 2023, dass rund zwei Drittel der Stellen in den USA und Europa in gewissem Maß KI-Automatisierung ausgesetzt sind und generative KI bis zu ein Viertel der Arbeit ersetzen könnte. Hochgerechnet auf die Welt entspräche das 300 Millionen Vollzeitstellen – eine Rechnung unter der Annahme, dass KI ihre versprochenen Fähigkeiten tatsächlich erreicht.
Was sich bisher messen lässt
Wie stark KI im Alltag ankommt, zeigt die IKT-Erhebung des Statistischen Bundesamts: 2025 nutzten 26 Prozent der Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten KI, bei Großunternehmen ab 250 Beschäftigten 57 Prozent. Die autonome Bewegung von Maschinen nennen nur 6 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen. Eine Studie im Auftrag des damaligen Bundeswirtschaftsministeriums hatte für 2019 noch 5,8 Prozent KI-Anwender ermittelt; sie erfasste allerdings Unternehmen ab fünf Beschäftigten in Industrie und unternehmensnahen Dienstleistungen, die Werte sind daher nur grob vergleichbar.
Wie die Arbeit selbst sich verändert, zeigte ein Experiment von Shakked Noy und Whitney Zhang (Science, 2023): 453 Fachkräfte mit Hochschulabschluss erledigten Schreibaufgaben, die Hälfte mit ChatGPT. Mit dem Chatbot sank der Zeitaufwand im Schnitt um 40 Prozent, die Qualität stieg um 18 Prozent, und die Unterschiede zwischen den Teilnehmenden wurden kleiner.
Erste Arbeitsmarktdaten liefern Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen vom Stanford Digital Economy Lab. Ihre nicht begutachtete Studie wertet Lohnabrechnungsdaten des US-Dienstleisters ADP bis Juni 2026 aus. In der Fassung vom August 2026 finden sie keine Hinweise auf einen breiten, gesamtwirtschaftlichen Stellenabbau. Die Beschäftigung von 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen liegt jedoch 19 Prozent unter dem Niveau, das sie im Gleichschritt mit weniger exponierten Altersgenossen erreicht hätte. Der Rückgang entsteht vor allem durch weniger Neueinstellungen, nicht durch Kündigungen. Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse selbst als frühe, beschreibende Indikatoren, nicht als kausale Schätzung.
Was Industrieroboter in Deutschland gezeigt haben
Für die Robotik gibt es belastbarere Daten, weil sie länger im Einsatz ist. Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen, Jens Suedekum und Nicole Woessner werteten für Deutschland Verwaltungsdaten der Sozialversicherung für die Jahre 1994 bis 2014 aus (Journal of the European Economic Association, 2021). Regionen mit mehr Industrierobotern verloren Stellen in der Industrie, gewannen aber ebenso viele im Dienstleistungssektor hinzu. Getroffen hat es vor allem junge Menschen beim Berufseinstieg, die seltener in der Industrie anfingen. Wer bereits in einem Betrieb arbeitete, blieb dort eher und übernahm neue, besser bezahlte Aufgaben. Junge Leute wichen von der Berufsausbildung auf Hochschulen aus.
Ausblick bis 2030
Das Weltwirtschaftsforum befragte für seinen Future of Jobs Report 2025 mehr als 1.000 Unternehmen. Bis 2030 erwarten sie weltweit 170 Millionen neue und 92 Millionen wegfallende Stellen, netto ein Plus von 78 Millionen. Wachsen sollen Berufe in KI, Robotik und Energiesystemen, aber auch Pflege, Lehre, Landwirtschaft und Zustelldienste. Kassierer, Verwaltungsassistenten und Grafikdesigner gehören zu den am schnellsten schrumpfenden Berufen. 41 Prozent der Arbeitgeber planen, Personal abzubauen, wo KI Aufgaben automatisiert, 77 Prozent wollen ihre Beschäftigten weiterbilden.
Rechtlich wird KI im Personalwesen in der EU eingehegt. Der AI Act trat am 1. August 2024 in Kraft. KI-Werkzeuge für Einstellung und Personalführung, etwa Software zum Sortieren von Lebensläufen, gelten als Hochrisiko-Systeme. Die strengen Pflichten für solche Anwendungen greifen nach der Vereinfachung durch das sogenannte AI-Omnibus-Paket ab dem 2. Dezember 2027.
Quellen
- Die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt (Wenke Klingbeil-Döring) – Bundeszentrale für politische Bildung – 29.06.2023
- Folgen des technologischen Wandels für den Arbeitsmarkt: Vor allem Hochqualifizierte bekommen die Digitalisierung verstärkt zu spüren (IAB-Kurzbericht 5/2024, Grienberger/Matthes/Paulus) – Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – 2024
- The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation? (Frey/Osborne) – Oxford Martin School – 01.09.2013
- GPTs are GPTs: An Early Look at the Labor Market Impact Potential of Large Language Models (Eloundou/Manning/Mishkin/Rock) – arXiv – 2023
- GPTs are GPTs: Labor market impact potential of LLMs – Science – 20.06.2024
- The Potentially Large Effects of Artificial Intelligence on Economic Growth (Briggs/Kodnani) – Goldman Sachs Global Economics Analyst – 26.03.2023
- Experimental evidence on the productivity effects of generative artificial intelligence (Noy/Zhang) – Science – 2023
- Unternehmen mit Nutzung von Technologien der künstlichen Intelligenz nach Beschäftigtengrößenklassen – Statistisches Bundesamt – 24.11.2025
- Auf Künstliche Intelligenz kommt es an – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – 2020
- Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence (Brynjolfsson/Chandar/Chen) – Stanford Digital Economy Lab – 12.08.2026
- The Adjustment of Labor Markets to Robots (Dauth/Findeisen/Suedekum/Woessner) – Journal of the European Economic Association 19(6) – 2021
- Future of Jobs Report 2025: 78 Million New Job Opportunities by 2030 but Urgent Upskilling Needed to Prepare Workforces – World Economic Forum – 08.01.2025
- AI Act – Regulatory framework for AI – Europäische Kommission – abgerufen 03.10.2026
Aktualisiert : Auf Basis der Primärquellen neu gefasst Erstveröffentlichung: .

Die Angaben in diesem Artikel wurden am 3. Oktober 2026 anhand der genannten Quellen geprüft.
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