Ein Ausfall nach 37 Sekunden
Fünf gelbe Spot-Roboter stehen in einer Reihe, ihre Greifarme bewegen sich im Takt zu „Don't Stop Me Now“ von Queen. Nach 37 Sekunden, als Freddie Mercury das Wort „gravity“ singt, sackt einer der Roboter zusammen. So schildert Boston Dynamics den Auftritt bei einer Aufzeichnung der US-Castingshow America's Got Talent in einem Blogbeitrag vom 26. August 2025.
Rosa Kurtz, Senior Software Engineer bei Boston Dynamics, spricht von einem sehr seltenen Hardwarefehler: „Vor dem Auftritt haben wir den Roboter mehr als hundertmal laufen lassen“ (Übersetzung). Das Team habe etwa einen rutschigen Boden und Softwarefehler durchgespielt, dieser Defekt sei aber zufällig und kaum vorherzusehen gewesen.
Hinter der Bühne musste Hannah Rossi, Marketing Project Engineer, in Sekunden entscheiden, ob die Nummer abgebrochen wird. „Wir hatten eine einzige Aufnahme, vor Live-Publikum“, sagt sie. „Solange alles sicher war, wollten wir weitermachen“ (Übersetzung). Die übrigen vier Roboter beendeten den Tanz. Juror Simon Cowell kommentierte: „Es war seltsamerweise besser, dass einer von ihnen ausgefallen ist. Weil es gezeigt hat, wie schwierig das war“ (Übersetzung). Kurz darauf stand der ausgefallene Roboter wieder auf. Alle vier Juroren stimmten für die nächste Runde. Im Viertelfinale trat das Team erneut mit fünf Robotern an, diesmal zu „Good Vibrations“ von den Beach Boys, und schied aus.
Keyframes statt Improvisation
Spot improvisiert nicht zur Musik. Laut Boston Dynamics steckt hinter jedem Auftritt wochen- bis monatelange Arbeit von Animatoren und Ingenieuren. Für die Show wählte das Team zuerst den Song, dann sammelte es zwei Wochen lang Bewegungsideen und sah sich Tanzvideos als Vorlage an.
Gebaut wird die Choreografie in „Choreographer“, einer Software von Boston Dynamics, in der sich vorhandene Tanzschritte per Drag and Drop zu Sequenzen kombinieren lassen. Neue Bewegungen legen Animatoren als dichte Folgen von Positionsdaten an. Bei 120 Keyframes pro Sekunde enthält eine zehnsekündige Sequenz weit über 1.000 einzelne Positionsbefehle, die festlegen, wo sich jedes Körperteil gerade befindet.
Der Tanz dient zugleich als Belastungstest. In der Animation ist fast jede Bewegung darstellbar, auf der Bühne begrenzen Reibung, Fertigungstoleranzen und Schwerkraft, was gelingt. Für Videoaufnahmen genügt laut Rossi, wenn ein Schritt in etwa 70 Prozent der Versuche klappt; für einen Live-Auftritt müsse die Quote nahe 90 Prozent liegen. Choreographer nutzte das Team auch abseits der Bühne: Bei den ersten Versuchen, Spot zur Kampfmittelbeseitigung einzusetzen, testeten Ingenieure damit Armpositionen.
Synchron per Timecode
Damit mehrere Roboter im Gleichtakt zur Musik tanzen, unterstützt Choreographer Timecode. Laut der Entwicklerdokumentation handelt es sich um SMPTE Linear Timecode, ein Zeitsignal, das als Audiosignal übertragen wird. Ein zentraler Generator gibt den Takt für alle Bühnenkomponenten vor, also für Ton, Licht und Roboter. Choreographer startet die Sequenzen anhand dieses Signals, ohne direkt mit Tonanlage oder Lichtpult zu kommunizieren. Die Musik kommt dabei über die Lautsprecher des Veranstaltungsorts.
„Früher haben wir einen Knopf gedrückt, die Musik lief, und der Roboter tanzte“, sagt Kurtz. Bei aufwendigeren Shows mit vielen Bühneneffekten müsse alles exakt zusammenpassen: „Unsere Roboter müssen im Takt miteinander und im Takt mit der Musik sein“ (Übersetzung). Nach Angaben des Unternehmens experimentieren die Ingenieure inzwischen auch mit KI-Modellen, um neue Tanzschritte zu entwerfen und zu prüfen.
Mit dem Laufen ist es anders: Für die Fortbewegung hat Boston Dynamics ein Steuerungsmodell aus bestärkendem Lernen in Spot eingebaut, trainiert in über einer Million Simulationen. Der Beitrag des Herstellers dazu behandelt nur das Gehen über unterschiedliches Gelände, nicht den Tanz.
Tanz als Schaufenster
Getanzt hat Spot schon früher: 2018 im Video „Uptown Spot“, 2020 mit anderen Robotern des Herstellers in „Do You Love Me?“, 2021 mit sieben Spots zu einem Song der K-Pop-Gruppe BTS. Die Idee zu diesen Videos stammte vom Gründer Marc Raibert.
Rossi beschreibt das Ziel so: Wer den Roboter einmal selbst sehe oder steuere, ändere seine Einstellung. Im Arbeitsalltag inspiziert Spot nach Angaben des Herstellers Industrieanlagen, unterstützt den Rückbau von Kernkraftwerken und hilft Sprengstoffteams, verdächtige Gegenstände aus der Distanz zu untersuchen. Auch in der Lehre wird Spot eingesetzt: An der Brown University lernen Studierende, den Roboter in Tanz- und Informatikkursen zu programmieren, an der Central High School in Louisville arbeiten Schülerinnen und Schüler seit 2021 mit ihm.
Auch nach der Castingshow tanzte Spot öffentlich: Am 5. Januar 2026 eröffneten mehrere Spots die Pressekonferenz der Hyundai Motor Group auf der CES in Las Vegas, zu „Go!“ von Cortis.
Quellen
- Spot Takes the Stage – Boston Dynamics (Calvin Hennick) – 26.08.2025
- Timecode in Choreographer – Boston Dynamics, Spot SDK Documentation – ohne Datum
- Starting on the Right Foot with Reinforcement Learning – Boston Dynamics – ohne Datum
- Video Friday: Spot's Got Talent – IEEE Spectrum (Evan Ackerman) – 29.08.2025
- Boston Dynamics' robot dog Spot eliminated in America's Got Talent Quarterfinals – Robotics 24/7 – 28.08.2025
- Hyundai's keynote kicks off with dancing Spots – TechCrunch – 05.01.2026
Aktualisiert : Auf Basis der Primärquellen neu gefasst Erstveröffentlichung: .

Die Angaben in diesem Artikel wurden am 3. Oktober 2026 anhand der genannten Quellen geprüft.
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