ICE kauft umgebaute Spot-Roboterhunde – über 300 Beschäftigte von Boston Dynamics protestieren

Die US-Einwanderungsbehörde ICE hat für 1,3 Millionen Dollar vier umgerüstete Roboter bestellt, die auf dem Spot von Boston Dynamics basieren. Mehr als 300 Beschäftigte forderten in einem Brief, den Verkauf zu stoppen. Das Unternehmen hält daran fest und verweist auf seine Verkaufsbedingungen, die eine Bewaffnung verbieten.

Von Roboterwelt Redaktion5 Min. LesezeitQuellen: 11
Ein gelb-schwarzer vierbeiniger Roboter mit Boston-Dynamics-Schriftzug und Safire-Aufkleber steht auf Asphalt, sein gelber Greifarm hält ein olivgrünes Rohr, dahinter eine beschädigte weiße Kunststoffbarriere und Wiese
Ein Spot von Boston Dynamics mit Greifarm trägt bei einer Übung auf der Buckley Space Force Base in Colorado eine Kampfmittel-Attrappe, 7. Juni 2024. ICE hat vier umgerüstete Spot mit Greifarm bestellt. Foto: Master Sgt. Amanda C. Geiger, U.S. Air National Guard, gemeinfrei, via DVIDS, bearbeitet. Die Verwendung bedeutet keine Billigung durch das US-Verteidigungsministerium.

Die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE bekommt vier vierbeinige Roboter auf Basis des Spot von Boston Dynamics. Den Auftrag über 1.304.296 US-Dollar vergab die ICE-Beschaffungsstelle am 25. September 2026 als Direktvergabe an RADeCO, eine Firma aus Plainfield, Connecticut, die Spot unter dem Namen Cerberus umrüstet. Bei Boston Dynamics stößt das Geschäft auf Widerstand: Mehr als 300 Beschäftigte forderten die Geschäftsleitung in einem Brief auf, den Verkauf abzusagen. Das Unternehmen hält daran fest. 

Was ICE kauft und wofür

Laut der Vergabebegründung J&A-26-0354 umfasst der Auftrag vier Spot-Pakete zu je 110.200 Dollar, vier Greifarme, Kameras mit 30-fachem Zoom und Wärmebild, Funktechnik und eine Schulung für Beamte. Ein Sauerstoffsensor soll prüfen, ob die Luft etwa in Tunneln atembar ist; mit ausgefahrenem Arm soll der Roboter auf Schränke und Stockbetten blicken. Als Ziel nennt das Dokument, Strahlung, Gaslecks und Sprengstoff aufzuspüren und Orte aus der Ferne zu inspizieren. Es beruft sich auf die Homeland Security Task Forces gegen Kartelle und Schleusernetze und auf das Dekret 14159 „Protecting the American People Against Invasion“. Der Hintergrundabschnitt fasst den Rahmen weiter: ICE-Beamte transportierten Häftlinge und reagierten auf Unruhen rund um Haftanstalten, die Roboter sollen auch bei Einwanderungs-, Haft- und Ermittlungseinsätzen helfen. Ein zweiter Anbieter hatte den Standard-Spot angeboten, war laut Dokument aber kein autorisierter Händler; das Gerät erfüllte zudem die Vorgaben nicht. Eine Bewaffnung sieht die Positionsliste nicht vor. 

Der Brief der Beschäftigten

Der Brief ging laut seinem Vorspann am 8. September mit über 300 Unterschriften an die Geschäftsleitung; öffentlich machten ihn der Sender WBUR und der Boston Globe am 23. Oktober. Das Geschäft lasse die Belegschaft so erscheinen, als arbeite sie direkt mit ICE, heißt es darin. ICE gehe brutal gegen Zivilisten vor, auch gegen Kollegen beim Mutterkonzern Hyundai. Ars Technica bezieht das auf eine Razzia auf dem Gelände des Hyundai-Werks Metaplant America in Georgia, bei der am 4. September 2025 475 Arbeitskräfte festgehalten wurden, überwiegend Südkoreaner. Die Unterzeichner fürchten, Kollegen zu verlieren und schwerer Personal zu finden. Laut einem Firmensprecher war knapp die Hälfte der Unterschriften anonym. Die Größe der Belegschaft geben Globe und Ars Technica mit rund 1.400 an, WBUR mit über 1.500. 

Wie Boston Dynamics reagiert

Die frühere Interimschefin Amanda McMaster schrieb der Belegschaft laut Globe, die Entscheidung stehe im Einklang mit dem Ziel, intelligente Maschinen ethisch im Dienst der Menschheit weiterzuentwickeln. Laut Globe und WBUR bat sie darum, die Entscheidung zu akzeptieren, auch wenn man ihr nicht zustimme. Nach Angaben des Unternehmens gehen die Roboter vor allem an die Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations, die sich laut WBUR in erster Linie mit grenzüberschreitender Kriminalität befasst. Der Brief der Beschäftigten hält dem entgegen, nicht nur die für Abschiebungen zuständige Abteilung, sondern alle Teile von ICE hätten Angst verbreitet. Ein Sprecher sagte Ars Technica, Spot helfe, Menschen aus der Gefahrenzone zu halten, unabhängig von politischen Implikationen. Bei Missbrauch werde man die Garantie streichen, Software-Updates verweigern, die Lizenz kündigen und rechtlich vorgehen; Verstöße von Behördenkunden habe es bisher nicht gegeben. Die Verkaufsbedingungen untersagen, Spot vorsätzlich einzusetzen, um Menschen oder Tiere zu verletzen oder einzuschüchtern, als Waffe oder zum Einsatz einer Waffe. In diesem Fall erlischt die Softwarelizenz automatisch. 

Einordnung: Bewaffnung ist nicht die einzige Frage

Im Oktober 2022 hatte sich Boston Dynamics mit Agility Robotics, ANYbotics, Clearpath Robotics, Open Robotics und Unitree in einem offenen Brief verpflichtet, seine Allzweckroboter nicht zu bewaffnen. Ausdrücklich nicht gemeint war bestehende Technik, mit der Staaten sich verteidigen und Gesetze durchsetzen. Eine Bewaffnung, wie sie die Zusage ausschließt, sehen die Vergabeunterlagen nicht vor. Den Beschäftigten geht es um etwas anderes: an wen das Unternehmen verkauft. Im Mai 2026 hatte Boston Dynamics nach Protesten aus der Belegschaft einen Verkauf an einen Polizeiausrüster zurückgenommen, bei dem Spot Blendgranaten hätte tragen können, wie Semafor unter Berufung auf frühere Beschäftigte berichtete. Eine Unternehmenssprecherin nannte Semafor als Grund, das Geschäft hätte die Selbstverpflichtung gegen Bewaffnung untergraben. Diesmal bleibt es beim Geschäft. 

Häufige Fragen

Was hat ICE bei Boston Dynamics bestellt?

Genau genommen bei der Firma RADeCO aus Connecticut, die Spot von Boston Dynamics zum System Cerberus umrüstet. Der Auftrag vom 25. September 2026 über 1.304.296 Dollar umfasst vier Roboter mit Greifarm, Zoom- und Wärmebildkamera, Funktechnik, Sauerstoffsensor und eine Schulung für Beamte. 

Wofür will ICE die Roboterhunde einsetzen?

Laut Vergabebegründung sollen sie Strahlung, Gaslecks und Sprengstoff aufspüren und gefährliche oder enge Orte wie Tunnel inspizieren, bevor Beamte sie betreten. Das Dokument nennt außerdem Einwanderungs-, Haft- und Ermittlungseinsätze. Boston Dynamics sagt, die Geräte gingen vor allem an die Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations. 

Sind die ICE-Roboter bewaffnet?

Nach den Vergabeunterlagen nicht; Waffen stehen nicht auf der Positionsliste. Die Verkaufsbedingungen von Boston Dynamics verbieten, Spot vorsätzlich zum Verletzen oder Einschüchtern von Menschen oder als Waffe einzusetzen, sonst erlischt die Softwarelizenz. 

Was fordern die Beschäftigten von Boston Dynamics?

Mehr als 300 Beschäftigte, knapp die Hälfte davon anonym, forderten im September 2026, den Verkauf abzusagen. Sie fürchten um den Ruf des Unternehmens und darum, Kollegen zu verlieren und schwerer Personal zu finden. Die Geschäftsleitung hält am Verkauf fest. 

Was besagt die Selbstverpflichtung von 2022?

Im Oktober 2022 versprachen Boston Dynamics, Agility Robotics, ANYbotics, Clearpath Robotics, Open Robotics und Unitree, ihre Allzweckroboter nicht zu bewaffnen und nach Möglichkeit zu prüfen, wofür Kunden sie einsetzen wollen, um eine Bewaffnung zu vermeiden. Bestehende Technik, mit der Staaten sich verteidigen und Gesetze durchsetzen, lehnten sie ausdrücklich nicht ab. 

Roboterwelt Redaktion

Alle Angaben in diesem Artikel wurden am 27. und 28. Oktober 2026 geprüft. Grundlage sind die Vergabebegründung J&A-26-0354 (von WBUR veröffentlicht), der Vergabeeintrag auf SAM.gov (über die öffentliche Schnittstelle abgerufen), der Brief der Beschäftigten (Bild von WBUR), die Verkaufsbedingungen von Boston Dynamics sowie der offene Brief von 2022. Die Aussagen von Amanda McMaster und des Firmensprechers stammen aus WBUR, Boston Globe und Ars Technica; eine eigene Stellungnahme von Boston Dynamics oder Hyundai auf deren Websites haben wir nicht gefunden. Zur Größe der Belegschaft weichen die Angaben ab (rund 1.400 laut Boston Globe und Ars Technica, über 1.500 laut WBUR).

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