Kleine Roboter auf Rädern bringen in mindestens zehn US-Großräumen Essen und Einkäufe an die Haustür, meist im Auftrag von Plattformen wie Uber Eats und DoorDash. Rund 5.000 sind landesweit unterwegs, schätzt ein Analyst laut New York Times. In Chicago laufen seit dem 9. Oktober 2026 zwei Sammelklagen gegen die Betreiber Coco Robotics und Serve Robotics: Die Kläger werfen ihnen vor, ihre Roboter hätten Gesicht und Hände von Kunden ohne Einwilligung vermessen. Beide Unternehmen weisen das zurück. Daneben streiten Städte über Gehwege, Verletzte verklagen Hersteller, und im Netz kursieren Videos, in denen Menschen Roboter treten oder umwerfen.
Was die Klagen in Chicago vorwerfen
Beide Klagen reichte dieselbe Kanzlei am 9. Oktober beim Circuit Court of Cook County ein (Aktenzeichen 2026CH09784 gegen Serve, 2026CH09794 gegen Coco, das rechtlich als Cyan Robotics firmiert). Kläger sind zwei Kunden aus Chicago, die Essen über Uber Eats beziehungsweise Einkäufe über DoorDash bestellt hatten. Laut den Klagen können die Plattformen Bestellungen einem Roboter zuteilen, ohne dass Kunden das gewählt haben; der Sender WBEZ berichtete dagegen, Kunden in Chicago könnten die Lieferart in der App wählen und Roboter ganz abwählen. Zum Öffnen des Fachs hätten die Kläger in etwa einem Meter Abstand vor Kamera und Lidar-Sensor des Roboters stehen müssen.
Der Lidar-Sensor messe dabei die dreidimensionale Form von Gesicht und Händen, die Kameras zeichneten beides aus der Nähe auf, so die Klagen. Weil die Betreiber zugleich Name und Adresse des Kunden von der Plattform erhielten, sei jeder Scan einer bestimmten Person zuzuordnen. Das Biometrie-Gesetz von Illinois (Biometric Information Privacy Act, BIPA) verlangt vor dem Erfassen eines Scans der Gesichts- oder Handgeometrie eine schriftliche Information über Zweck und Dauer und eine schriftliche Einwilligung, außerdem eine veröffentlichte Regel zu Aufbewahrung und Löschung. Nichts davon habe es gegeben. Die Kläger fordern 1.000 Dollar je fahrlässigem und 5.000 Dollar je vorsätzlichem oder leichtfertigem Verstoß für jedes Mitglied der Sammelklage, dazu die Löschung der Daten und einen Erfassungsstopp, bis die Unternehmen das Gesetz einhalten.
Auch die Weiterverwendung der Aufnahmen greifen die Klagen auf. Im Fall Coco stützen sie sich auf eine Forschungskooperation mit OpenAI, die Coco im März 2025 angekündigt hatte: Coco wollte Erkenntnisse aus mehr als einer halben Million fernüberwachter Lieferungen einbringen, OpenAI seine KI-Technik. Dass an OpenAI weitergegebene Daten Aufnahmen aus Illinois enthalten, behauptet die Klage nur „nach bestem Wissen“. Gegen Serve führt die Klage Angaben des Unternehmens gegenüber Investoren an, zu seinem Geschäftsmodell gehöre die Lizenzierung von Video- und Lidar-Datensätzen an Dritte zum Training von KI-Modellen. Dass darin Gesichter aus Chicago stecken, behauptet auch diese Klage nur „nach bestem Wissen“. Ein Gericht hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert; erste Termine sind laut Eingangsstempel für den 8. Dezember 2026 angesetzt.
Was Coco und Serve entgegnen
Beide Unternehmen bestreiten, biometrische Daten von Kunden oder Passanten zu erheben. Coco nannte die Klage gegenüber dem Lokalmedium Block Club Chicago „frivol“, sie verstehe die Technik grundlegend falsch. Die Daten, die Coco weitergebe, seien Navigationsdaten, etwa Echtzeit-Hinweise auf Gefahren auf Gehwegen für eine Navigations-App für blinde und sehbehinderte Menschen; Daten vom Anfang und Ende einer Lieferfahrt gebe man im Rahmen solcher Partnerschaften nicht weiter. Serve kündigte an, sich zu verteidigen. Das Unternehmen nutze die Daten nicht, um Personen zu identifizieren, seine Systeme seien weder dafür noch für biometrische Profile ausgelegt.
Strittig ist damit vor allem eine Rechtsfrage: Ist eine Lidar-Punktwolke oder ein Videobild eines Gesichts schon ein Scan der Gesichtsgeometrie im Sinne des Gesetzes, auch wenn niemand daraus eine Person identifiziert? Die Klagen sagen ja und berufen sich auf frühere Gerichtsentscheidungen, unter anderem zu Fotodiensten. Heimlich im engeren Sinn ist die Aufzeichnung nicht: Coco schreibt in seiner Datenschutzerklärung von 2022, dass mehrere Kameras die Umgebung aufzeichnen und ein Fernsteuerer („Pilot“) live zusieht. Serve nennt in seiner Datenschutzerklärung (Stand 19. Oktober 2026) Video- und Tonaufnahmen sowie Bewegungsmuster von Fußgängern als Daten der Roboter und das Training von KI-Modellen als einen Zweck. Feste Löschfristen für diese Daten nennen beide Erklärungen nicht.
Gehwege, Unfälle, Haftung
Der Datenschutzstreit fällt in eine Stadt, in der die Roboter ohnehin umstritten sind. Chicago erlaubt sie seit 2022 in einem Pilotprogramm, das im Mai 2027 endet, wenn der Stadtrat es nicht verlängert. Laut WBEZ fuhren im Frühjahr 2026 je 50 Roboter von Coco und Serve in der Innenstadt sowie in Vierteln im Norden und Westen, auf der South Side keiner. Eine Petition der Initiative No Sidewalk Bots verlangt, das Programm auszusetzen, bis die Stadt Daten zu Sicherheit und Barrierefreiheit veröffentlicht und eine öffentliche Anhörung stattgefunden hat; nach eigenen Angaben haben bis September 2026 mehr als 4.550 Menschen unterschrieben. Im März 2026 fuhren laut Block Club Chicago Roboter beider Firmen gegen Wartehäuschen an Bushaltestellen, eine Glasscheibe zerbrach; die Firmen übernahmen die Reparaturkosten. Ein Stadtrat lehnte Anfang 2026 nach einer Anwohnerbefragung eine Ausweitung in seinem Bezirk ab.
Auch anderswo ringen Kommunen um Regeln. In Los Angeles beantragte Stadträtin Eunisses Hernandez im September 2025, die Verkehrsbehörde solle das Programm für Lieferroboter überprüfen, auch mit Blick auf Fußgänger und barrierefreie Gehwege. In Glendale bei Los Angeles beschloss der Stadtrat im Juli 2026 mit 3:2 Stimmen, statt eines sofortigen Moratoriums einen Rahmen für ein stadtweites Pilotprogramm auszuarbeiten; Bürgermeister Ardy Kassakhian, der ein Moratorium vorgeschlagen hatte, stimmte dagegen.
Wer haftet, wenn ein Roboter einen Menschen verletzt, beschäftigt inzwischen Gerichte. In Arizona verklagt eine Parkhausmitarbeiterin der Arizona State University den Hersteller Starship Technologies. Laut Polizeibericht stieß 2023 ein rückwärtsfahrender Starship-Roboter auf dem Campus in Tempe die damals 73-Jährige um und fuhr danach erneut gegen sie, als sie am Boden lag. Die Klage wirft auch einem Starship-Mitarbeiter, der den Roboter überwachen sollte, Fahrlässigkeit vor. Starship führt die Verletzungen laut Gerichtsunterlagen, über die der Sender KJZZ berichtet, unter anderem auf eigenes Verschulden der Klägerin und Vorschäden zurück. In Jersey City geht ein Radfahrer laut dem Sender News 12 juristisch gegen Uber und den Roboterhersteller Avride vor: Ein Roboter sei direkt vor ihm auf die Straße gefahren, er habe eine gebrochene Schulter und eine Kopfverletzung erlitten. Avride äußerte sich nicht zum konkreten Vorfall, erklärte aber, seine Flotte halte Verkehrsregeln und Sicherheitsvorschriften strikt ein.

Tritte, Graffiti, virale Videos
Die New York Times beschrieb im Oktober 2026 Fälle aus Los Angeles, wo Passanten auf Roboter einschlugen und eintraten, aus Miami, wo ein Mann versuchte, einen Roboter von einer Brücke zu werfen, und aus Sacramento, wo drei Männer sich filmten, wie sie einen Roboter umwarfen und auf den Gehweg schlugen; das Video erreichte fast 2,5 Millionen Aufrufe. Statistiken gibt es kaum. Die Polizei in Philadelphia sagte der Zeitung, sie erfahre von Angriffen nur, wenn jemand sie anzeige. Als Motive nennt der Bericht Frust über Konzerne und KI, Sorge um Arbeitsplätze und die Jagd nach Klicks. Serve-Chef Ali Kashani sagte der Zeitung, Vandalismus und gesellschaftliche Akzeptanz hätten schon bei der Gestaltung der Roboter ganz oben gestanden; die Polizei rufe man nur sehr selten.
Was davon für Europa gilt
Ein Gesetz wie BIPA mit festen Summen je Verstoß gibt es in der EU nicht, die Frage nach Kameras im öffentlichen Raum stellt sich aber genauso. Nach den Leitlinien der europäischen Datenschutzbehörden zur Videoüberwachung ist eine Videoaufnahme eines Menschen für sich genommen kein biometrisches Datum im Sinne von Artikel 9 der DSGVO, solange sie nicht eigens technisch verarbeitet wird, um zur Identifizierung beizutragen; unter den besonderen Schutz fallen biometrische Daten erst, wenn sie zur eindeutigen Identifizierung einer Person verarbeitet werden. Für Aufnahmen erkennbarer Personen gelten trotzdem die allgemeinen Regeln: Sie brauchen eine Rechtsgrundlage, und Betroffene müssen informiert werden; als erste Stufe nennen die Leitlinien ein Hinweisschild. Wie das bei einem Roboter funktionieren soll, der Kunden und Passanten auf dem Gehweg begegnet, beantworten die Leitlinien nicht eigens.
Für den Alltag auf deutschen Gehwegen fehlt nach Darstellung eines Herstellers zudem die Rechtsgrundlage. Starship Technologies schreibt in seinem Eintrag im Lobbyregister des Bundestags, für den Einsatz solcher Roboter gebe es derzeit keine Grundlage, unter anderem weil die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung keine passende Fahrzeugkategorie kenne; möglich sei nur ein befristeter Einsatz mit Ausnahmegenehmigung zu Erprobungszwecken. Starship wirbt gegenüber Bundestag und Verkehrsministerium für eine Rechtsgrundlage für den kommerziellen Betrieb. In der Schweiz musste die Post 2025 einen Test mit einem Lieferroboter des Zürcher Start-ups Rivr in Regensdorf verschieben, weil die Zulassung ungeklärt war; das Bundesamt für Strassen erteilte Rivr danach eine bis Ende 2025 befristete Ausnahmebewilligung.
Die US-Konflikte zeigen damit vor allem, welche Fragen eine europäische Regelung beantworten müsste, bevor Lieferroboter in größerer Zahl fahren: wie viel Platz sie auf Gehwegen bekommen, wer bei Unfällen haftet und was mit den Aufnahmen von Kunden und Passanten geschieht.
Häufige Fragen
Was werfen die Klagen in Chicago den Lieferroboter-Firmen vor?
Zwei Kunden werfen Coco Robotics und Serve Robotics in Sammelklagen vom 9. Oktober 2026 vor, ihre Roboter hätten beim Öffnen des Fachs Gesicht und Hände per Kamera und Lidar vermessen. Nach dem Biometrie-Gesetz von Illinois wäre dafür eine schriftliche Information und Einwilligung nötig gewesen. Die Kläger fordern 1.000 bis 5.000 Dollar je Verstoß und Mitglied der Sammelklage sowie die Löschung der Daten.
Was sagen Coco und Serve zu den Vorwürfen?
Beide bestreiten, biometrische Daten zu erheben. Coco nennt die Klage „frivol“; man habe in Chicago keine biometrischen Daten erhoben, weitergegeben würden Navigationsdaten. Serve will sich verteidigen; es nutze die Daten nicht zur Identifizierung von Personen, seine Systeme seien dafür nicht ausgelegt. Ein Gericht hat noch nicht entschieden.
Filmen Lieferroboter Passanten?
Ja, die Roboter navigieren mit Kameras und Lidar-Sensoren. Coco schreibt in seiner Datenschutzerklärung, mehrere Kameras zeichneten die Umgebung auf und ein Fernsteuerer sehe live zu. Serve nennt Videoaufnahmen und Bewegungsmuster von Fußgängern als erfasste Daten. Strittig ist, ob daraus biometrische Daten im Sinne des Gesetzes von Illinois werden.
Wären solche Aufnahmen in der EU biometrische Daten?
Nach den Leitlinien der europäischen Datenschutzbehörden nicht automatisch. Unter den besonderen Schutz biometrischer Daten fällt eine Videoaufnahme erst, wenn sie eigens technisch verarbeitet wird, um eine Person eindeutig zu identifizieren. Für Aufnahmen erkennbarer Menschen gelten aber auch ohne das die allgemeinen Regeln der DSGVO, etwa eine Rechtsgrundlage und Information der Betroffenen.
Dürfen Lieferroboter in Deutschland auf Gehwegen fahren?
Nur eingeschränkt. Laut dem Hersteller Starship Technologies fehlt in der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung eine passende Fahrzeugkategorie; ein Einsatz sei derzeit nur befristet mit Ausnahmegenehmigung zu Erprobungszwecken möglich. Starship wirbt im Lobbyregister des Bundestags für eine Rechtsgrundlage für den kommerziellen Betrieb.
Quellen
- Klage gegen Serve Robotics Inc., Class Action Complaint, Circuit Court of Cook County, Chancery Division, Az. 2026CH09784, eingereicht 09.10.2026 (PDF, veröffentlicht von ClassAction.org)
- Klage gegen Cyan Robotics, Inc. (Coco Robotics), Class Action Complaint, Circuit Court of Cook County, Chancery Division, Az. 2026CH09794, eingereicht 09.10.2026 (PDF, veröffentlicht von ClassAction.org)
- Serve, Coco Delivery Robots Unlawfully Capture Biometric Scans in Chicago, Class Action Lawsuits Claim – ClassAction.org
- Delivery Robots Accused Of Scanning Customers' Faces, Sharing Biometric Data – Block Club Chicago (Kade Heather) – 16.10.2026, aktualisiert 19.10.2026
- Privacy Policy (Last Updated: May 19, 2022) – Coco
- Privacy Notice (Last updated: October 19, 2026) – Serve Robotics
- Coco Robotics and OpenAI Announce Research Collaboration – Pressemitteilung Coco Robotics (PR Newswire, Nachdruck im La Grande Observer) – 12.03.2025
- Delivery Robots Are Watching You, According to Lawsuit – Gizmodo (AJ Dellinger) – 20.10.2026
- What to know about robot delivery in Chicago – WBEZ/Chicago Sun-Times (Elleiana Green) – 12.02.2026 (Datum laut URL, Text mit Angaben bis 27.03.2026)
- No Sidewalk Bots – Petition zum Chicagoer Lieferroboter-Programm (Stand 03.09.2026)
- A robot will deliver your food, if it doesn't get smashed first – The New York Times (Madaleine Rubin), Nachdruck im Philadelphia Inquirer – 12.10.2026
- Motion zum Personal-Delivery-Device-Programm, Council File 20-1328-S1 – Stadtrat Los Angeles (Eunisses Hernandez) – 19.09.2025 (PDF)
- Council Votes to Implement PDD Pilot Program – Crescenta Valley Weekly (Julie Butcher) – 16.07.2026
- Lawsuit claims ASU employee was struck, injured by a food delivery robot – KJZZ (Connor Greenwall) – 14.07.2026
- New Jersey cyclist sues after delivery robot hit-and-run leaves him with broken shoulder, head injury – News 12 New Jersey – 11.05.2026
- Guidelines 3/2019 on processing of personal data through video devices, endgültige Fassung (Rn. 74–76 und 110–113) – Europäischer Datenschutzausschuss – 30.01.2020 (PDF)
- Gesetzliche Grundlage für den kommerziellen Einsatz von autonom fahrenden (Liefer)Robotern, Regelungsvorhaben RV0023158 – Starship Technologies, Lobbyregister des Deutschen Bundestags (aktuell seit 31.08.2026)
- Die Post testet einen Roboterhund (mit Updates vom 09. und 12.09.2025) – Netzwoche – 05.09.2025
- Bericht über Unmut und Klagen gegen Lieferroboter in den USA – t3n (Jörn Brien) – 27.10.2026
- Bericht über die Biometrie-Klagen gegen Lieferroboter in Chicago – futurezone – 27.10.2026

Alle Angaben in diesem Artikel wurden am 29. Oktober 2026 geprüft. Grundlage sind die beiden Klageschriften beim Circuit Court of Cook County (2026CH09784 und 2026CH09794, veröffentlicht von ClassAction.org), die Datenschutzerklärungen von Coco und Serve, die Pressemitteilung von Coco zur Kooperation mit OpenAI, der Antrag 20-1328-S1 im Stadtrat von Los Angeles, die Leitlinien 3/2019 des Europäischen Datenschutzausschusses und der Eintrag von Starship Technologies im Lobbyregister des Bundestags. Die Stellungnahmen von Coco und Serve stammen aus Block Club Chicago; die Fälle von Vandalismus, die Schätzung von 5.000 Robotern und die Aussage des Serve-Chefs aus der New York Times (Nachdruck im Philadelphia Inquirer). Angaben zu Chicago stammen zudem aus WBEZ, zu Glendale aus Crescenta Valley Weekly, zu den Unfallklagen aus KJZZ und News 12 New Jersey. Die Klagen sind unbewiesen; ein Gericht hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert. Den Bericht der Nachrichtenagentur AP, auf den sich deutsche Medien stützen, konnten wir nicht abrufen.
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