PARM NextGen: Deutsche Panzerabwehr-Richtmine mit Funk, Infrarotsensor und Bodenroboter als Träger

Die MBDA-Tochter TDW hat ihre Panzerabwehrrichtmine PARM neu aufgelegt: Die PARM NextGen lässt sich per Funk scharf und wieder sicher schalten und erkennt Fahrzeuge mit einem Infrarotsensor statt über einen Lichtwellenleiter. In Erding stand sie auf einem kleinen Bodenroboter von NEXOS.Defence. Was das System ist, wie weit es ist und wo die Minen-Debatte ansetzt.

Von Roboterwelt Redaktion8 Min. LesezeitQuellen: 16
Eine olivgrüne Panzerabwehrrichtmine auf einem dreibeinigen Stativ auf grauem Asphalt. Das zylindrische Gehäuse läuft vorn in einen Trichter und ein dünnes Rohr aus, das schräg nach rechts vorn zeigt. Auf dem Gehäuse steht in schwarzer Schrift unter anderem PARM und TDW.
Eine Panzerabwehrrichtmine DM22, veröffentlicht vom Beschaffungsamt der Bundeswehr zur Nachbestellung 2023. Auf diesem Modell baut die PARM NextGen auf; ein Bild der neuen Version mit freigegebenen Nutzungsrechten liegt uns nicht vor. Foto: PIZ Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung / Bundeswehr, Ausschnitt

Am 22. Oktober 2026 hat die TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme beim Defence TechDay auf dem Fliegerhorst Erding eine neue Version ihrer Panzerabwehrrichtmine (PARM) gezeigt. Die PARM NextGen stand dort auf einem kleinen Bodenroboter des Typs ODIN.75 von NEXOS.Defence, berichtet die Fachzeitschrift Soldat & Technik. Veranstalter war nach Angaben von NEXOS die Bayern Innovativ GmbH; das Format war geschlossen, zugelassen wurden Vertreter von Verteidigungsministerium, Bundeswehr, Sicherheitsbehörden, Industrie und Forschung. 

TDW, eine hundertprozentige Tochter der MBDA Deutschland mit Sitz in Schrobenhausen, hat die PARM NextGen im Juni 2024 auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris erstmals öffentlich gezeigt. Sie ist eine Weiterentwicklung der PARM DM22, die seit Jahrzehnten bei der Bundeswehr im Bestand ist. 

Was eine Panzerabwehrrichtmine ist

Die DM22 sitzt auf einem Dreibein und wird nach Angaben der Bundeswehr gegen Kampfpanzer und gepanzerte Kampffahrzeuge eingesetzt. Sie wird etwa an Straßen und Engstellen aufgestellt und verschießt ein Hohlladungsgeschoss, das ein Fahrzeug von der Seite trifft. Ausgelöst wird sie, wenn ein Fahrzeug über einen quer zur Fahrbahn ausgelegten Lichtwellenleiter fährt. Die Bundeswehr nennt eine Kampfentfernung von 40 bis 60 Metern; Soldat & Technik gibt für die DM22 bis zu 40 Meter an. Entwickelt wurde das System Anfang der 1980er Jahre bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm. 

Nach dem Kalten Krieg wurde die Fertigung eingestellt. Wie lange sie ruhte, geben die Quellen unterschiedlich an – nach Handicap International und EDR rund zehn Jahre, nach hartpunkt mehrere Jahrzehnte. Am 14. November 2023 unterzeichnete das Beschaffungsamt der Bundeswehr (BAAINBw) eine Rahmenvereinbarung mit TDW über 2.600 PARM DM22 mit Option auf weitere 10.000. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte rund 68 Millionen Euro gebilligt. Die Minen ersetzen ausdrücklich Material, das an die Ukraine abgegeben wurde. Im April 2025 unterzeichneten Deutschland, Lettland und Norwegen ein Abkommen, über das Partnerstaaten auf Grundlage des deutschen Rahmenvertrags selbst Minen beziehen können. Die Auslieferung an die Bundeswehr soll laut Bundeswehr Anfang 2027 beginnen. 2023 hatte das BAAINBw noch erste Serienlieferungen ab 2026 angekündigt. 

Was die NextGen anders macht

Die erste Änderung betrifft die Auslösung. Statt des Lichtwellenleiters arbeitet die NextGen mit Sensoren; zentral ist nach Herstellerangabe ein passiver Infrarotsensor. TDW-Geschäftsführer Andreas Seitz erklärte 2024 dem Magazin EDR, Vibrations- und Akustiksensoren dienten als stromsparende Weckschaltung für den Infrarotsensor. Anders als das Kabel könne der neue Sensor die Entfernung des Ziels erfassen und den günstigsten Auslösezeitpunkt bestimmen. Daraus ergibt sich laut TDW die größere Reichweite. 

Die zweite Änderung ist die Funkverbindung. Über sie lässt sich die Mine aus der Ferne scharf schalten, sichern und erneut scharf schalten. Laut EDR hat das Bediengerät drei Hauptknöpfe: sichern, scharf schalten und auslösen. Mit dem dritten kann der Bediener die automatische Auslösung durch den Sensor übergehen. Ein Gerät steuert derzeit bis zu drei Minen. Die Übertragung ist nach Herstellerangaben mit AES-128 verschlüsselt, jede Mine hat einen eigenen Schlüssel, und sie funkt nur auf Anforderung, damit sie schwer zu orten und zu stören ist. Der Gefechtskopf bleibt unverändert. TDW zielt nach eigener Darstellung vor allem darauf, ein Fahrzeug bewegungsunfähig zu machen; ob es danach ganz ausfällt, hänge von Winkel und Abstand ab. 

Merkmal 

PARM DM22 

PARM NextGen (Herstellerangaben 2024) 

Auslösung 

Lichtwellenleiter quer zur Fahrbahn 

Sensoren, zentral passiver Infrarotsensor; wahlweise Lichtwellenleiter 

Fernbedienung 

keine integrierte 

Funk: scharf schalten, sichern, auslösen 

Kampfentfernung 

bis 40 m (Soldat & Technik); 40 bis 60 m (Bundeswehr) 

60 m 

Selbstdeaktivierung 

nach spätestens 40 Tagen 

nach 30 Tagen 

Gefechtskopf 

Hohlladung, 128 mm 

unverändert übernommen 

Die kürzere Einsatzdauer erklärte Seitz mit dem höheren Strombedarf der Sensoren. Preislich soll die NextGen nach Unternehmensangaben im selben Segment liegen wie die klassische PARM; dafür übernimmt TDW möglichst viele Bauteile aus der DM22. TDW will beide Versionen künftig als Produktfamilie nebeneinander anbieten. 

Der Roboter darunter: ODIN.75 aus Bayern

NEXOS.Defence ist die Verteidigungssparte der NEXOS.Group aus Traunstein. Ihre ODIN-Familie ist nach Firmenangaben in sechs Baugrößen von ODIN.75 bis ODIN.2400 geplant; die Zahl steht für das Leergewicht in Kilogramm. Technische Basis ist die zivile Plattform PALLAS der Gruppenmarke ALPS.Robotics, die nach Unternehmensangaben bei Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz erprobt wurde. Für Bodenfahrzeuge arbeitet NEXOS mit dem Fraunhofer-Institut FKIE zusammen. 

Wichtig für die Einordnung: Laut NEXOS befinden sich die ODIN-Plattformen noch in Entwicklung. Angaben zu Klassen und Einsatzprofilen seien Auslegungsziele und keine zugesicherten Eigenschaften. Für die ODIN.75 nennt das Unternehmen eine Nutzlast von 37,5 Kilogramm, Soldat & Technik schreibt von bis zu 17,5 Kilogramm. Die PARM sei nicht an diesen Roboter gebunden, hieß es nach Angaben der Zeitschrift auf dem Defence TechDay: Mit einem Kit könnten Nutzer sie selbst auf andere Plattformen setzen. 

Den Zweck beschreibt Soldat & Technik so: Weil die NextGen per Funk scharf und sicher geschaltet wird, lässt sie sich auf einem Roboter montieren. Eine Sperre bleibt damit beweglich, statt fest an einer Stelle zu stehen. 

Was die Ukraine damit zu tun hat

Den Anstoß für die neue Fertigung gab der Krieg. Laut der Übersicht der Bundesregierung mit Stand 6. Mai 2025 hat Deutschland der Ukraine 19.480 Panzerabwehrminen aus Bundeswehr- und Industriebeständen geliefert; weitere 3.420 PARM waren als Industrielieferung in Vorbereitung oder Durchführung. Guido Brendler, Direktor Vertrieb und Geschäftsentwicklung bei MBDA Deutschland, bezeichnete die PARM im Februar 2024 als zuverlässige Waffe gegen moderne Kampfpanzer auf heutigen Schlachtfeldern, Seitz sprach im Juni 2024 von „sehr gutem Feedback aus der Ukraine“ (Übersetzung). Das sind Aussagen des Herstellers; unabhängige Auswertungen dazu liegen uns nicht vor. 

Im Juli 2025 meldete das ukrainische Verteidigungsministerium, im ersten Halbjahr fast 30 neue Modelle unbemannter Bodenfahrzeuge und fernbedienter Waffenstationen aus ukrainischer Fertigung zugelassen zu haben. Zu den Aufgaben, die diese Systeme übernehmen können, zählt es ausdrücklich Pionieraufgaben wie das Verlegen und Räumen von Minen. Ob gerade die PARM in der Ukraine von Robotern ausgebracht wird, geht aus diesen Quellen nicht hervor. 

Wie weit das System ist

Die PARM NextGen ist bislang ein Angebot der Industrie. Die öffentlichen Beschaffungsmeldungen von BAAINBw und Bundeswehr aus den Jahren 2023 und 2025 betreffen nur die DM22. 2024 kündigte TDW erste Lieferungen der NextGen für Ende 2026 an und sprach von einer nötigen Qualifizierung, die kurz ausfallen solle, weil viele Bauteile bereits qualifiziert seien. In den öffentlichen Mitteilungen von MBDA Deutschland, BAAINBw und Bundeswehr, die wir ausgewertet haben, findet sich kein Auftrag für die neue Version. Auch der Trägerroboter ist nach Angaben seines Herstellers noch kein fertiges Produkt. 

Mine, aber nicht verboten: die völkerrechtliche Lage

Für Deutschland gilt seit 1. März 1999 das Ottawa-Übereinkommen. Es verbietet Einsatz, Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Weitergabe von Antipersonenminen. Artikel 2 definiert sie als Minen, die dazu bestimmt sind, durch die Gegenwart, Nähe oder Berührung einer Person zur Explosion gebracht zu werden. Minen, die nicht durch eine Person, sondern durch ein Fahrzeug ausgelöst werden sollen, gelten auch dann nicht als Antipersonenminen, wenn sie eine Aufhebesperre haben. Die PARM richtet sich nach Angaben von Bundeswehr und Hersteller gegen gepanzerte Fahrzeuge. Antifahrzeugminen wie die PARM verbietet das Übereinkommen nicht; so sieht es auch die Hilfsorganisation Handicap International. 

Handicap International hält genau das für die große Schwachstelle des Vertrags. Die Organisation verweist darauf, dass in Deutschland von 2013 bis zur Bestellung von 2023 keine Panzerminen produziert worden waren, und fordert, die Bundeswehr solle sämtliche Minenbestände vernichten, weil solche Waffen noch Jahrzehnte nach einem Krieg gefährlich blieben. 

Zwei Eigenschaften der NextGen sind in diesem Zusammenhang wichtig, beide nach Herstellerangaben: Sie soll sich aus der Ferne sichern lassen, etwa solange eigene Fahrzeuge noch durchfahren, und nach 30 Tagen nach Aussage von Seitz „vollständig sicher“ werden. Für die Einordnung nach dem Ottawa-Übereinkommen kommt es darauf an, dass der Sensor nur auf Fahrzeuge anspricht. TDW gibt gegenüber hartpunkt an, die Sensorik schließe eine Auslösung durch Personen zu 100 Prozent aus; unabhängige Testergebnisse dazu liegen in den ausgewerteten Quellen nicht vor. Offen bleibt auch, wie zuverlässig der Infrarotsensor militärische von zivilen Fahrzeugen unterscheidet, sobald die Mine scharf geschaltet ist und selbst auslöst. Laut EDR verwies Seitz auf eine Höchstdauer von 45 Tagen aus internationalen Regelungen; hartpunkt nennt dafür das Ottawa-Übereinkommen, dessen Vertragstext eine solche Frist allerdings nicht enthält. Welche Regel gemeint ist, bleibt offen. 

Häufige Fragen

Was ist die PARM NextGen?

Eine Weiterentwicklung der Panzerabwehrrichtmine PARM DM22 von TDW, einer Tochter der MBDA Deutschland. Statt eines Lichtwellenleiters erfasst sie Fahrzeuge mit Sensoren, zentral einem passiven Infrarotsensor, und lässt sich per verschlüsseltem Funk scharf schalten, sichern und erneut scharf schalten. TDW hat sie im Juni 2024 auf der Eurosatory erstmals gezeigt. 

Auf welchem Roboter wurde die PARM NextGen gezeigt?

Beim Defence TechDay am 22. Oktober 2026 in Erding stand sie laut Soldat & Technik auf dem ODIN.75 von NEXOS.Defence aus Traunstein, dem kleinsten Modell der ODIN-Familie. NEXOS gibt an, dass die ODIN-Plattformen noch in Entwicklung sind. 

Hat die Bundeswehr die PARM NextGen bestellt?

In den öffentlichen Mitteilungen von MBDA Deutschland, BAAINBw und Bundeswehr findet sich kein Auftrag für die NextGen. Bestellt ist die ältere DM22: Im November 2023 unterzeichnete das BAAINBw einen Rahmenvertrag über 2.600 Stück mit Option auf 10.000 weitere, als Ersatz für an die Ukraine abgegebene Minen. Die Auslieferung soll laut Bundeswehr Anfang 2027 beginnen. 

Ist die PARM nach dem Ottawa-Übereinkommen verboten?

Nach dem Vertragstext nicht, solange sie wie vorgesehen durch Fahrzeuge und nicht durch Personen ausgelöst wird. Artikel 2 definiert Antipersonenminen als Minen, die dazu bestimmt sind, durch eine Person zur Explosion gebracht zu werden; Fahrzeugminen fallen nicht darunter. Für die NextGen gibt TDW an, der Sensor schließe eine Auslösung durch Personen aus. Handicap International kritisiert, dass Antifahrzeugminen erlaubt bleiben. 

Quellen

  1. PARM NextGen: Vernetzte Panzerabwehr auf Roboter – Soldat & Technik (Dorothee Frank) – 27.10.2026
  2. Bundeswehr erhält neue Panzerabwehrrichtminen als Ersatz für Ukraine-Abgabe – PIZ Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung (BAAINBw) – 14.11.2023
  3. TDW wird PARM-Produktion hochfahren – MBDA Deutschland, Pressemitteilung – 15.11.2023
  4. Deutschland, Lettland und Norwegen zeichnen Abkommen für Panzerabwehrrichtminen – Bundeswehr – 10.04.2025
  5. Militärische Unterstützungsleistungen für die Ukraine – Bundeswehr (Quelle: Bundesregierung, Stand 06.05.2025)
  6. On the right track with Enforcer – Interview mit Guido Brendler, MBDA Deutschland – Enforce Tac Official Show Daily, 27.02.2024 (PDF bei MBDA Deutschland)
  7. Eurosatory 2024 – TDW details its PARM NextGen antitank mine – EDR Magazine – 28.06.2024
  8. Eurosatory 2024: Weltpremiere PARM NextGen – Defence Network – Juni 2024
  9. Video: PARM NextGen – TDW stellt smarte Panzerabwehrrichtminenschranke vor – hartpunkt – 18.06.2024
  10. ODIN – UGV-Plattformfamilie – NEXOS.Defence (abgerufen 27.10.2026)
  11. Über uns – NEXOS.Defence (abgerufen 27.10.2026)
  12. Forschung & Entwicklung – NEXOS.Defence (abgerufen 27.10.2026)
  13. NEXOS.Defence beim Defence TechDay 2026 in Erding – NEXOS Newsroom – 01.09.2026
  14. Nearly thirty ground robotic systems approved for operational use since the beginning of the year – Verteidigungsministerium der Ukraine – 07.07.2025
  15. Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung (Ottawa-Übereinkommen), englisch/deutsch
  16. Landminen in Deutschland – Handicap International (landmine.de, abgerufen 27.10.2026)
Roboterwelt Redaktion

Alle Angaben in diesem Artikel wurden am 27. Oktober 2026 anhand der Mitteilungen von BAAINBw, Bundeswehr, Bundesregierung, MBDA Deutschland, NEXOS und des ukrainischen Verteidigungsministeriums, des Vertragstexts des Ottawa-Übereinkommens, der Angaben von Handicap International sowie der genannten Fachberichte geprüft. Technische Angaben zur PARM NextGen und zum ODIN.75 sind Herstellerangaben.

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