Wenn über die Drohnenpläne des Pentagons gesprochen wird, geht es meist um Stückzahlen, Hersteller und Elektronik. Die Ausschreibung für die dritte Phase des Drone Dominance Program, die Ende September 2026 erschien, lenkt den Blick auf etwas anderes: Mit den rund 60.000 Einweg-Angriffsdrohnen kauft das US-Verteidigungsministerium 45.000 scharfe Sprengladungen, 15.000 Übungsladungen und 60.000 Sicherungs- und Scharfschalteinrichtungen. Einweg-Angriffsdrohnen sind dafür gebaut, mit ihrer Ladung ins Ziel zu fliegen. Die Fachseite DroneXL hat am 28. Oktober unter Berufung auf das Wall Street Journal die Frage aufgeworfen, woher der Sprengstoff dafür kommen soll. Angaben der US Army und Fachberichte zeigen: Die Sorge ist nicht neu, und die Abhilfe braucht Jahre.
Was die Ausschreibung verrät
Das Programm, gesteuert von der Defense Innovation Unit und dem Test Resource Management Center, hat für Phase 3 ein Budget von 450 Millionen Dollar. Das Geld stammt laut Ausschreibung aus dem Haushaltsgesetz Public Law 119-21, dem „One Big Beautiful Bill Act“ vom Juli 2025. Für die feste Erstbestellung setzt die Regierung Stückpreise, und zwar für Drohne und Ladung getrennt; der Ladungspreis gilt für scharfe Ladungen und Übungsladungen gleichermaßen.
Drohnentyp | Einsatzreichweite | Preis je Drohne | Preis je Ladung | Stückzahl |
|---|---|---|---|---|
Angriffe in der Tiefe (Deep Strike) | 15 bis 20 km | 5.000 Dollar | 3.000 Dollar | 30.000 |
Nahkampf (Close-Quarters Battle) | unter 3 km | 3.000 Dollar | 2.750 Dollar | 30.000 |
Rechnet man die Festpreise für je 30.000 Drohnen beider Typen samt Ladungen hoch, entfallen gut 170 von rund 410 Millionen Dollar auf die Ladungen, also gut 40 Prozent (eigene Rechnung: 172,5 von 412,5 Millionen Dollar).
Die Drohnenhersteller müssen mindestens zwei kommerzielle Gefechtskopf-Lieferanten einbinden, besser drei, dazu die staatlichen Lösungen von Army und Navy. Zugelassen sind American Ordinance, Bravo Ordinance, Kela, Kraken, das staatliche Munitionswerk McAlester Army Ammunition Plant, Mountain Horse, Nammo und Northrop Grumman. Die Wirkung der Ladungen fließt direkt in die Bewertung ein. Die Aufträge für den Produktionstest sollen bis Mitte Dezember 2026 vergeben werden; Gefechtsköpfe für die Wirkungstests sind am 8. Januar 2027 fällig, der Vergleichstest Gauntlet III soll voraussichtlich im März 2027 stattfinden. Danach vergibt das Pentagon die eigentlichen Aufträge; Drohnen und Ladungen sind in drei gleichen Teillieferungen fällig, die letzte spätestens fünf Monate nach dem Auftrag. Als Option kann das Pentagon weitere 40.000 Drohnen samt Ladungen abrufen. Welche Sprengstoffe in den Gefechtsköpfen stecken, legt die Ausschreibung nicht fest.
Ein Werk aus dem Zweiten Weltkrieg
Der Sprengstoff RDX ist seit dem Zweiten Weltkrieg die Standardfüllung amerikanischer Munition, und die Holston Army Ammunition Plant in Kingsport, Tennessee, ist bis heute der einzige Ort in den USA, der ihn herstellt. So steht es in einer Analyse von Morgan Bazilian (Colorado School of Mines) und dem pensionierten Brigadegeneral Matt Isler, die im August 2026 beim Modern War Institute der Militärakademie West Point erschien. Das Werk gehört der Army und wird von BAE Systems betrieben. Die Army verfolgt nach eigenen Angaben einen 15-Jahres-Plan für ihre Depots, Arsenale und Munitionswerke; Anlagen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu erneuern, nennt sie dafür unerlässlich. In Holston ging 2021 ein neues Dampfkraftwerk in Betrieb, die Mühle für fein gemahlenes RDX wird um zwei Produktionsstränge erweitert (Stand April 2024). Die Anlage zur Rückgewinnung von Essigsäure, die dabei Rückstände von RDX und HMX abtrennt, stammt laut Army von 1943; sie soll in ein modernisiertes Nachbargebäude umziehen.
Wie knapp es ist, zeigt ein Bericht der Army an den Kongress vom 2. September 2025, über den der Fachdienst Inside Defense berichtete. Darin nennt die Army RDX Type II als einen von drei Spreng- und Treibstoffen, die sie nicht vollständig im Inland herstellen kann. Weil Holston einen Nachfrageschub zwischen 2016 und 2020 nicht bewältigte, holte die Army eine zweite Bezugsquelle hinzu, die der Bericht nicht nennt. Bis Juli 2028 will sie die RDX-Produktion in Holston „mehr als verdoppeln“. Bryan Clark vom Hudson Institute hält das für unwahrscheinlich, weil die Raketenprogramme GMLRS und PrSM bereits viel Kapazität binden.

Was die Lücke schließen soll
Der Kongress hat im Verteidigungshaushalt 2026 zusätzlich 903 Millionen Dollar für ein Kompetenzzentrum für Explosivstoffe bewilligt, dazu knapp 60 Millionen für widerstandsfähige Energetik-Fertigung, wie Inside Defense aus dem Gesetz zitiert. Das Zentrum soll im Blue Grass Army Depot in Kentucky entstehen und laut einer Markterkundung der Army vom 26. März 2026 zum Schwerpunkt der staatlichen RDX- und HMX-Produktion werden, mit einer Pilotanlage für neue Explosivstoffe. Fertig sein soll es bis 2031.
Parallel drängen private Firmen in den Markt. Odin Energetics ist ein Gemeinschaftsunternehmen des texanischen Chemieherstellers Solugen und des Gefechtskopf-Entwicklers Kraken Kinetics, der sich nach eigenen Angaben auf Ladungen für unbemannte Systeme konzentriert. Auf der Liste zugelassener Gefechtskopf-Lieferanten der Phase-3-Ausschreibung steht ein Anbieter „Kraken“, ohne weiteren Namenszusatz. Odin will Explosivstoffe mit „Nitroforge“ herstellen, Fabriken, die sich in Schiffscontainern transportieren lassen und vor Ort aus Vorprodukten von Solugen arbeiten. Auf der Website heißt es: „America is facing a critical shortage of munitions.“ Nach Solugens eigenen Angaben läuft Nitroforge im Demonstrationsmaßstab, der Start ist für das vierte Quartal 2026 geplant. Mengen, Kunden oder Aufträge nennen beide Websites nicht. Solugen hatte im Oktober 2025 bereits eine Partnerschaft mit American Rheinmetall Munitions angekündigt, um in den USA hergestellte Explosivstoffe nach Firmenangaben günstiger und besser verfügbar zu machen.
Einen anderen Weg geht das kalifornische Biotech-Start-up Biosphere: Das Pentagon hat ihm 21 Millionen Dollar zugesprochen, wie Breaking Defense am 28. Oktober 2026 berichtete, für eine 20.000-Liter-Anlage, in der gentechnisch veränderte Mikroben Spezialchemikalien herstellen. Infrage kommen laut Firmenchef Brian Heligman auch polymergebundene Sprengstoffe, etwa für die Hellfire-Rakete; die Inbetriebnahme ist für das vierte Quartal 2027 geplant. Auf einer Konferenz des Hudson Institute klagten Vertreter von Industrie und Regierung laut Breaking Defense, dass klassische Chemiekonzerne wegen der stark schwankenden Nachfrage des Pentagons kaum in solche Kapazitäten investieren.
Was das für die Drohnenstrategie bedeutet
Seit Minister Pete Hegseth kleine Drohnen im Juli 2025 zu Verbrauchsgütern erklärt hat, gelten sie im Pentagon eher als Munition denn als langlebiges Gerät; die Pläne für noch größere Stückzahlen haben wir zur 50-Milliarden-Forderung beschrieben. Für Einwegdrohnen gilt dabei eine einfache Rechnung: Jede eingesetzte Drohne verbraucht ihre Ladung, jede weitere Ausbaustufe braucht ebenso viele neue Gefechtsköpfe. Die Ausschreibung berücksichtigt das, indem sie Drohnen- und Gefechtskopfhersteller fest aneinander koppelt und die Wirkung der Ladung mitbewertet. Am Sprengstoff selbst ändert sie nichts.
Die Zeitpläne passen nicht zusammen. Die ersten Gefechtsköpfe für Phase 3 sind im Januar 2027 für Tests fällig, die Ladungen für die rund 60.000 Drohnen binnen fünf Monaten nach den Aufträgen, die auf den Vergleichstest im März 2027 folgen. Holston soll seine RDX-Produktion erst bis Juli 2028 mehr als verdoppeln, das Zentrum in Kentucky bis 2031 stehen, Biospheres Anlage Ende 2027 anlaufen. Ob die Ladungen für die 60.000 Drohnen tatsächlich am Sprengstoff scheitern könnten, lässt sich aus den öffentlichen Unterlagen nicht ablesen: Die Ausschreibung nennt weder die Füllung noch die Menge Sprengstoff pro Ladung, und aktuelle Produktions- oder Auslastungszahlen der Army für Holston haben wir nicht gefunden. Sicher ist nur: Das Pentagon bestellt mit den Drohnen Zehntausende Sprengladungen, während die eigene Army die Versorgung mit RDX Type II aus dem Inland als lückenhaft ausweist.
Häufige Fragen
Wie viele Angriffsdrohnen will das Pentagon kaufen?
In der dritten Phase des Drone Dominance Program rund 60.000 Einweg-Angriffsdrohnen für 450 Millionen Dollar, je zur Hälfte für Angriffe in der Tiefe und für den Nahkampf. Dazu kommen 45.000 scharfe Ladungen, 15.000 Übungsladungen und 60.000 Sicherungs- und Scharfschalteinrichtungen. Weitere 40.000 Drohnen samt Ladungen kann das Pentagon als Option abrufen.
Warum ist Sprengstoff ein Engpass für Drohnen?
Einwegdrohnen verbrauchen ihre Ladung bei jedem Einsatz, die Nachfrage nach Sprengstoff wächst also mit jeder Drohne. Den Standardsprengstoff RDX stellt in den USA nach einer Analyse beim Modern War Institute nur die Holston Army Ammunition Plant in Tennessee her, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammt. Die Army kann RDX Type II nach eigenem Bericht von 2025 nicht vollständig im Inland decken.
Was tun die USA gegen den Sprengstoffmangel?
Die Army modernisiert Holston und will die RDX-Produktion dort bis Juli 2028 mehr als verdoppeln. Der Kongress hat 903 Millionen Dollar für ein Kompetenzzentrum für Explosivstoffe im Blue Grass Army Depot in Kentucky bewilligt, das bis 2031 fertig sein soll. Dazu kommen Start-ups wie Odin Energetics mit in Containern transportierbaren Fabriken und Biosphere mit einer Bioreaktor-Anlage.
Was ist Odin Energetics?
Ein Gemeinschaftsunternehmen des Chemieherstellers Solugen und des Gefechtskopf-Entwicklers Kraken Kinetics. Es will Explosivstoffe mit transportablen Containerfabriken namens Nitroforge vor Ort herstellen. Laut Solugen läuft Nitroforge im Demonstrationsmaßstab, der Start ist für das vierte Quartal 2026 geplant; Aufträge nennt das Unternehmen nicht.
Quellen
- S2MARTS Request for Solutions: Drone Dominance Program – Phase 3 (Project No. 26-01, Rev3) – Drone Dominance Program / NSWC Crane – September 2026 (PDF)
- DIU Kicks Off $450m Phase 3 Of Drone Dominance For 60,000 UAVs – Aviation Week (Garrett Reim) – 30.09.2026
- Pentagon Details $450 Million Drone Dominance Competition as Gauntlet 2.5 Moves to November – DroneLife (Miriam McNabb) – 14.10.2026
- One Big Beautiful Bill Act Information (Pub. L. 119–21) – U.S. Department of Education, Federal Student Aid
- Pentagon's 60,000 Attack Drones Hit a 1940s Explosives Bottleneck – DroneXL (Haye Kesteloo) – 28.10.2026
- An Explosive Problem: Energetics, Supply Chain Fragility, and US Military Readiness – Modern War Institute at West Point (Morgan Bazilian, Matt Isler) – 18.08.2026
- Modernization efforts ongoing at the Holston Army Ammunition Plant – U.S. Army, Joint Munitions Command (Matthew Wheaton) – 23.04.2024
- New Army report details foreign reliance in energetics supply chain, timelines to bolster domestic production – Inside Defense (Dominic Minadeo) – 26.11.2025
- Army wants to partner with industry for scaling up explosive output at Blue Grass – Inside Defense (Dan Schere) – 26.03.2026
- Odin Energetics – Website (Nitroforge, Joint Venture von Solugen Aerospace and Defense und Kraken Kinetics)
- Nitroforge – Solugen (Status und Zeitplan)
- Kraken Kinetics – Website
- Solugen and American Rheinmetall Munitions Partner to Make American Energetics More Affordable – Solugen via PR Newswire – 13.10.2025
- Startup Biosphere wins Pentagon contract to scale up production of key chemicals – Breaking Defense (Sydney J. Freedberg Jr.) – 28.10.2026
- New DoD Policy: “Unleashing” Small Drones, Cutting Regulations – Inside Unmanned Systems – 14.07.2025

Alle Angaben in diesem Artikel wurden am 29. Oktober 2026 geprüft. Grundlage sind die Phase-3-Ausschreibung des Drone Dominance Program (dronedominance.mil), eine Mitteilung der US Army zu Holston vom April 2024, die Websites von Odin Energetics, Solugen und Kraken Kinetics sowie Berichte von Aviation Week, DroneLife, Inside Defense, Breaking Defense und eine Analyse des Modern War Institute. Den Bericht der Army an den Kongress vom September 2025 und die Markterkundung zum Blue Grass Army Depot haben wir nicht selbst eingesehen, sondern geben sie nach Inside Defense wieder. Der Bericht des Wall Street Journal, auf den sich DroneXL stützt, war für uns nicht abrufbar; Angaben, die nur dort stehen (darunter Investitionssumme und Kapazität von Odin, Auslastung und Verzögerung der Modernisierung in Holston), haben wir deshalb nicht übernommen. Dass Holston der einzige RDX-Hersteller der USA ist, steht unter den von uns geöffneten Quellen nur in der Analyse des Modern War Institute; wir geben es ausdrücklich als deren Angabe wieder. Den Anteil der Munition an den Festpreisen haben wir selbst aus den Preisen der Ausschreibung berechnet.
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