Helsing steigt in die Luftverteidigung ein: Was hinter „Contra“ und den Abfang-Flugkörpern steckt

Der Münchner Rüstungs-KI-Hersteller Helsing hat in Berlin das Luftverteidigungssystem Contra vorgestellt, dazu die Abfang-Flugkörper AD-1 Inferno und AD-2 Ambush gegen Jet-Drohnen und Marschflugkörper. Was Helsing verspricht, was davon schon geflogen ist und warum die Angaben zu Preis, Tempo und Zeitplan auseinandergehen.

Von Roboterwelt Redaktion8 Min. LesezeitQuellen: 9
Sandfarbener, schräg gestellter Startbehälter mit zwei geöffneten Fächern, in denen zwei weiße, runde Spitzen zu sehen sind; darüber eine hochgeklappte Abdeckung mit schwarzem Gehäuse und der Aufschrift „Unload, Launch, Spool, Locked“, links ein sandfarbener Mast, dahinter ein heller Himmel
Symbolbild, kein Helsing-System: Startbehälter des US-Drohnenabwehrsystems Coyote bei der Vorbereitung einer Übung der U.S. Air Force im Verantwortungsbereich des US Central Command, Juni 2025. Mit Contra hat das System nichts zu tun, gemeinsam ist nur der Start aus einem Behälter. Foto: Airman 1st Class Keagan Lee, U.S. Air Force, gemeinfrei, via DVIDS, Ausschnitt. Die Verwendung bedeutet keine Billigung durch das US-Verteidigungsministerium.

Das Münchner Rüstungsunternehmen Helsing, das sich selbst als Militär-KI-Unternehmen bezeichnet und die Kampfdrohne HX-2 baut, steigt in die Luftverteidigung ein. Am 26. Oktober 2026 stellte es in Berlin das System Contra vor. Helsing beschreibt es als „KI-gesteuertes autonomes Luftverteidigungssystem“, das Länder vor Drohnen- und Raketenangriffen in großer Zahl schützen soll. Dazu zeigte das Unternehmen zwei Abfang-Flugkörper: AD-1 Inferno mit Strahltriebwerk und AD-2 Ambush mit Feststoff-Raketenmotor. Sie sollen auch schnelle strahlgetriebene Angriffsdrohnen und Marschflugkörper abfangen. 

Vieles davon ist bisher Ankündigung. Bei der Vorstellung hatte keiner der beiden Flugkörper die Flugerprobung abgeschlossen. Zum Preis nennen die Berichte aus Berlin unterschiedliche Währungen, beim Zeitplan stehen zwei Termine nebeneinander. Und die Leistungsdaten stammen allein vom Hersteller. 

Was Contra leisten soll

Helsing begründet das Produkt mit der russischen Rüstung. Laut Pressemitteilung hat Russland die Produktion strahlgetriebener Drohnen und Marschflugkörper gesteigert, allein bei den Jet-Drohnen Geran-4 und Geran-5 auf 4.000 Stück pro Monat. Zugleich entstünden neue Startplätze, wodurch Teile der EU in Reichweite möglicher Angriffe rückten. Helsing beruft sich dabei auf „aktuelle Geheimdienstberichte“, nennt sie aber nicht. Aus dem Briefing geben defence-network und hartpunkt die 4.000 anders wieder: als Zahl der pro Monat eingesetzten Drohnen. 

Contra soll Sensoren und Abwehrwaffen zu einem gemeinsamen Luftlagebild verbinden und so „Hunderte oder Tausende“ Drohnen und Flugkörper gleichzeitig erfassen und bekämpfen. Grundlage ist Helsings Führungssoftware Altra. „Zum einen benötigen wir ein intelligentes Autonomiesystem oder ein Kommando- und Kontrollsystem, das mit Sättigungsangriffen umgehen kann“, sagte Mitgründer und Co-Chef Gundbert Scherf beim Pressebriefing in Helsings neuem Berliner Showroom laut Europäische Sicherheit & Technik. Laut den Fachportalen defence-network und hartpunkt nutzt das System Radar sowie optische, Infrarot- und akustische Sensoren. Es soll an die Führungssoftware SitaWare und andere nationale Gefechtsführungssysteme anschließbar sein. Ein Abfang-Flugkörper, der sein Ziel verfehlt, soll umkehren und es erneut angreifen können. 

Contra ist nicht an Helsings eigene Flugkörper gebunden. Laut Mitteilung lassen sich auch fremde Abfangwaffen, Laser, Kanonen und Netzsysteme gegen Drohnen „innerhalb weniger Tage“ einbinden. Mehrere solcher Integrationen führe Helsing Militärkunden bereits vor. In Berlin zeigte Helsing laut defence-network eine Grafik mit Containern entlang einer Grenze als „Wall“. Ebenso möglich sei eine „Glocke“ um militärische Einrichtungen oder schützenswerte Infrastruktur. 

Bemerkenswert ist der Begriff „autonom“. Laut Pressemitteilung behalten die Nutzer „die volle Kontrolle“ über Entscheidungen und Prioritäten, das System bleibe unter wirksamer menschlicher Kontrolle (so auch die Wiedergabe bei produktion.de). Im Briefing wurde Helsing konkreter: Nach dem Bericht von hartpunkt muss das System aus Sicht des Unternehmens autonom und unabhängig von den Bedienern der Abwehrsysteme arbeiten können, um Sättigungsangriffe abzuwehren. Der Mensch soll demnach ausschließlich die Regeln festlegen, nach denen es anschließend arbeitet. Wie diese Regeln aussehen, nennen die geprüften Berichte nicht. 

Zwei Abfang-Flugkörper aus dem Container

Beide Flugkörper starten aus Containern. Im Mittelkurs lenken sie Bodenradare von Contra, im Endanflug ein eigener Radarsuchkopf, der bei jedem Wetter arbeiten soll. Laut defence-network kombiniert der Suchkopf Radar mit einem optischen Sensor und ist noch nicht in Serie. Helsing begründet das Radar damit, dass sich Russland nach den Erfahrungen in der Ukraine die Witterung für Angriffe zunutze mache. Der Suchkopf soll laut Defense News aus breit verfügbarer Hardware bestehen. Nach Helsings Angaben lässt er sich laut hartpunkt zu einem Zehntel der Kosten vergleichbarer Radarsuchköpfe herstellen, DroneXL schreibt von weniger als einem Zehntel. 

Herstellerangaben (26.10.2026) 

AD-1 Inferno 

AD-2 Ambush 

Antrieb 

Strahltriebwerk 

Feststoff-Raketenmotor 

Aufgabe 

Kreisen in der Luft, Schwarmeinsatz, mehrere Angriffsversuche 

schnelles Abfangen, auch Unterschall-Marschflugkörper in großer Höhe 

Geschwindigkeit 

über 700 km/h 

Mach 2,5 laut Pressemitteilung, rund Mach 2,5 bei hartpunkt; Mach 2 bei defence-network; über Mach 2 bei DroneXL; mehr als doppelte Schallgeschwindigkeit, fast 3.000 km/h bei Defense News 

Reichweite 

20 km (DroneXL, Defense News), über 20 km (hartpunkt) 

mehr als 20 km (Pressemitteilung), 20 km (hartpunkt, Breaking Defense) 

Je 20-Fuß-Container 

20 Stück (hartpunkt) 

40 Stück (hartpunkt) 

Stand der Erprobung 

Demonstrator, Testflüge „in den kommenden Wochen“ (Stand 26.10.2026) 

Video eines Testflugs gezeigt 

Zusammen sollen die beiden Flugkörper laut Helsing-Mitgründer und Präsident Niklas Köhler „autonome Feuerüberlegenheit bis in zehn Kilometer Höhe“ liefern. Triebwerk und Raketenmotor hat Helsing nach eigenen Angaben selbst entwickelt, berichtet hartpunkt. Gebaut werden sollen die Flugkörper in Helsings eigenen „Resilience Factories“. Köhler spricht von zwei voneinander unabhängigen europäischen Lieferketten. Scherf sagte laut hartpunkt, die Lieferkette sei zu 100 Prozent frei von US-Exportbeschränkungen nach ITAR, die Komponenten kämen zum größten Teil aus Europa. Den AD-1 will Helsing laut Scherf in Masse bauen: „Wenn wir sagen massenproduzierbar, dann meinen wir 1.000 Stück pro Monat.“ Laut hartpunkt rechnet er mit mehreren Tausend Abfangflugkörpern pro Monat, sobald die Entwicklung abgeschlossen ist. 

Was offen ist: Erprobung, Preis, Lieferung

Die Systeme sind in der Entwicklung, das betonte Scherf in Berlin laut defence-network selbst. Den AD-1 hat Helsing nach eigenen Angaben in zwei Monaten vom Konzept zum Demonstrator gebracht. Testflüge sollten laut defence-network und DroneXL in den Wochen nach der Vorstellung folgen, einen gemeldeten Erstflug haben wir bis zum 6. November nicht gefunden. Vom AD-2 zeigte das Unternehmen ein Video eines Testflugs. hartpunkt ordnet beide Flugkörper in die frühe Phase der Flugtests ein, laut DroneXL hat keiner die Erprobung abgeschlossen. Unabhängige Testergebnisse nennen die geprüften Berichte nicht. 

Beim Zeitplan stehen zwei Angaben nebeneinander. Als früheste Auslieferung nannte ein Helsing-Vertreter laut defence-network und DroneXL das zweite Quartal 2027. Scherf sprach laut Defense News von Marktreife im zweiten Halbjahr 2027, hartpunkt nennt denselben Zeitraum für Marktreife und Abschluss der Entwicklung. Wie beides zusammenpasst, geht aus den Berichten nicht hervor. 

Auch das Tempo des AD-2 ist nicht einheitlich angegeben: Die Pressemitteilung nennt Mach 2,5, defence-network aus dem Briefing Mach 2. Die übrigen Angaben stehen in der Tabelle oben. 

Beim Preis gehen die Angaben auseinander. Die Pressemitteilung nennt keine Zahl, sondern nur Stückpreise „deutlich“ unter denen heutiger Abfangraketen. Im Briefing sagte Scherf laut defence-network, beide Flugkörper sollten „weniger als 100k“ kosten, ohne Währung. hartpunkt und DroneXL berichten von unter 100.000 Euro je Stück, Defense News von unter 100.000 Dollar je Schuss. Ob der Preis für die Serie, einen frühen Stand oder einen bestimmten Auftrag gilt, geht aus den Berichten nicht hervor. Zum Vergleich setzt Helsing laut hartpunkt heutige Abwehrflugkörper mit 500.000 Euro bis 4 Millionen Euro an und eine Jet-Drohne vom Typ Geran mit rund 200.000 bis 250.000 Euro. 

Einen ersten Vertrag gibt es nach Helsings Angaben bereits. Auf Nachfrage sagte Scherf laut defence-network, es gebe einen Vertrag mit einem möglichen Nutzer. Welches Land, nannte er nicht. Laut hartpunkt und DroneXL betrifft der Vertrag das Führungssystem von Contra, nicht die Flugkörper. 

Einordnung

Helsing ist mit der Idee nicht allein. Nach Breaking Defense gibt es in den NATO-Staaten einen starken Druck hin zu günstigeren Abfangwaffen. Anduril, Lockheed Martin und CHAOS Industries hätten in den Wochen vor Helsing eigene Angebote vorgestellt. Das Problem dahinter nennt Helsing-Mitgründer Köhler das „Dilemma“ der Luftverteidigung: langsame Schönwetter-Drohnen oder Millionen-Euro-Raketen, die auf billige, massenhaft gebaute Ziele abgefeuert würden. 

Für Europa ist der Ansatz interessant, weil Helsing nach eigenen Angaben auf überwiegend europäische Lieferketten und Unabhängigkeit von US-Exportregeln setzt. Wer den Vertrag zum Führungssystem geschlossen hat, ist nicht bekannt, eine Beschaffung durch die Bundeswehr nennen die geprüften Berichte nicht. Belastbar bewerten lässt sich das System erst, wenn Flugtests mit Ergebnissen, verbindliche Preise und Aufträge für die Flugkörper vorliegen. Bis dahin sind AD-1 und AD-2 vor allem ein Versprechen, gestützt auf Grafiken, ein Testvideo und einen Demonstrator. 

Häufige Fragen

Was ist Helsing Contra?

Ein Luftverteidigungssystem, das Helsing am 26. Oktober 2026 in Berlin vorgestellt hat. Es soll Sensoren und Abwehrwaffen über die Führungssoftware Altra zu einem Luftlagebild verbinden und laut Hersteller Hunderte oder Tausende Drohnen und Flugkörper gleichzeitig bekämpfen. Neben eigenen Flugkörpern lassen sich laut Helsing auch fremde Abfangwaffen, Laser, Kanonen und Netzsysteme einbinden. 

Was unterscheidet AD-1 Inferno und AD-2 Ambush?

AD-1 Inferno hat ein Strahltriebwerk, fliegt laut Helsing über 700 km/h, kann kreisen und ein Ziel mehrfach angreifen. AD-2 Ambush hat einen Feststoff-Raketenmotor und soll auch Marschflugkörper in großer Höhe abfangen. Seine Geschwindigkeit gibt die Pressemitteilung mit Mach 2,5 an, Berichte aus dem Briefing nennen auch Mach 2 oder über Mach 2. Beide starten aus Containern und nutzen einen Radarsuchkopf. 

Sind die Abfang-Flugkörper schon einsatzbereit?

Nein. Bei der Vorstellung hatte keiner der beiden die Flugerprobung abgeschlossen. Für den AD-1 waren Testflüge in den folgenden Wochen angekündigt, vom AD-2 zeigte Helsing ein Testflug-Video. Als früheste Auslieferung nannte ein Helsing-Vertreter laut defence-network das zweite Quartal 2027, Marktreife erwartet Co-Chef Gundbert Scherf laut Defense News im zweiten Halbjahr 2027. 

Was kosten AD-1 und AD-2?

Einen offiziellen Listenpreis gibt es nicht. Die Pressemitteilung spricht nur von Stückpreisen deutlich unter heutigen Abfangraketen. Im Briefing nannte Co-Chef Gundbert Scherf laut defence-network „weniger als 100k“ ohne Währung, hartpunkt und DroneXL berichten von unter 100.000 Euro, Defense News von unter 100.000 Dollar. 

Roboterwelt Redaktion

Alle Angaben in diesem Artikel wurden am 6. November 2026 geprüft. Grundlage ist die Pressemitteilung von Helsing vom 26. Oktober 2026; die Seite auf helsing.ai war für unseren Abruf gesperrt, wir haben den Wortlaut über den Nachdruck bei ASDNews gelesen und mit den Wiedergaben bei Breaking Defense, Defence Industry Europe und produktion.de abgeglichen. Angaben aus dem Pressebriefing in Berlin stammen aus den Berichten von hartpunkt, Defense News, defence-network, DroneXL und Europäische Sicherheit & Technik (nur Vorspann, Rest hinter Bezahlschranke). Leistungsdaten, Stückzahlen, Kosten und die Angaben zur russischen Drohnenproduktion sind Herstellerangaben; unabhängig überprüfen konnten wir sie nicht. Zur Geschwindigkeit des AD-2 nennt die Pressemitteilung Mach 2,5, defence-network Mach 2, DroneXL über Mach 2, Defense News mehr als die doppelte Schallgeschwindigkeit. Den Preis nennt defence-network als „weniger als 100k“ ohne Währung, hartpunkt und DroneXL als unter 100.000 Euro, Defense News als unter 100.000 Dollar. Die früheste Auslieferung im zweiten Quartal 2027 (defence-network, DroneXL) und die Marktreife im zweiten Halbjahr 2027 (Defense News, hartpunkt) stehen unverbunden nebeneinander. Zitate aus englischsprachigen Quellen sind von uns übersetzt.

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